Immer länger leben?

Die bisher angenommene maximale Lebensdauer von 120 Jahren scheint überwindbar zu sein. Darauf weisen neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Experimente an Tieren hin. Was wäre aber, wenn wir unser Leben immer noch weiter verlängern könnten? Eine Kultur des freiwilligen Todes? Alte gegen Junge? Alte, die sich mithilfe von Gentechnik verjüngen? Ein nicht ganz ernst gemeinter Zukunfts-Dialog:

„Wieso sprichst du jetzt plötzlich vom Tod?“, fragte der Mürrische mürrisch.

Sisyphos sah ihn an. „Ihr wollt zwar Mensch sein, aber nicht sterben, habe ich recht?“

„Und du, wie steht es mit dir?“, fragte der Schwarzmantel.

 „Auch ich will nicht sterben“, antwortete ihm Sisyphos. „Aber ich frage mich, warum sind wir selbst nach einem langen und erfüllten Leben nicht zum Sterben bereit?“

Sie schwiegen.

„Ihr habt Angst, dass der Tod zum falschen Zeitpunkt kommt“.

„Mancher würde schon sterben wollen, aber er will nicht schuld sein an der Trauer und dem Schmerz seiner Kinder und Freunde“, murmelte der Bullige.

Sisyphos dachte nach.

„Manche denken, dass sie noch nicht sterben dürfen, weil sie noch eine Erfüllung, einen Sinn unbedingt erreichen müssten. Weil das größere Glück auf sie wartet. Aber – ich sage euch und ich sage mir: Das Leben ist wie ein Karussell, das sich immer nur im Kreise dreht. Wie lange auch das Karussell mit dem Jahrmarkt von Ort zu Ort wandert, es gibt keinen Ort und keine Zeit, keine blaue Blume, wo sich Sinn und Glück erfüllen. Es ist also egal, wann man aus dem Karussell aussteigt.“

„Sisyphos Gedanken werden mir langsam unheimlich“, bemerkte der Bullige.

„Es gefällt mir nicht, dieses Plädoyer für den freiwilligen Tod angesichts immer längeren Lebens“, unterstützte ihn der Schwarzmantel. „Hier zu bestehen und nicht zu flüchten, darum geht es. Hier mag manches beschwerlich und von absurder Vergeblichkeit sein, aber gerade darin, es auszuhalten, liegt die Würde. Der Sage nach konnten die Götter Sisyphos weder bestrafen noch besiegen, weil er sich den rollenden Stein trotz aller Vergeblichkeit zu seiner Aufgabe und seinem stolzen Sinn erklärt hat, nicht aufgeben und sterben wollte, hast du das vergessen, lieber Freund?“

„Das sagst du mir?“, entgegnete ihm Sisyphos. „Ich bin mir meines Ahnen durchaus bewusst. Bin ich je geflüchtet, wenn wieder zusammenfiel, was ich aufgebaut habe oder wenn mir meine Ziele verloren gingen? Nein, das bin ich nicht. Aber es Flucht zu nennen, wenn ein Mensch sich freiwillig für das Sterben entscheidet, ist schändlich. Wer den unausweichlichen Tod tabuisiert oder verdammt, tabuisiert und verdammt die Freiheit, die in ihm liegt. Ich rede nicht einer Kultur der Selbsttötung das Wort. Ganz im Gegenteil. Ich sage, selbst wenn der Weg absurd ist und du mit deinen Träumen nur Spielball der Götter bist, pflanze Blumen und Bäume und pflanze sie erneut, wenn der Stein über sie hinwegrollt. Bereite dem Absurden einen Garten! Du sollst aber die Freiheit haben, den Garten zu verlassen.“

Sisyphos Vorschlag läuft darauf hinaus, dass wir eine Kultur des Sterbens zum Teil unserer Kultur machen“, fasste Xerax zusammen.

„Wir sind zwar schon älter“, sagte der Bullige.  „Aber warum sollten wir sterben wollen? Wir fühlen uns fit und gesund. Früher mögen den Alten vielleicht nach und nach ihre  Sinne matt geworden sein, aber wir können uns neu regenerieren aufgrund medizinischen Fortschritts. Wir kennen auch Geheimrezepte, wie früher Knoblauch und Viagra, von denen du keine Ahnung hast. Außerdem, das Leben mag zwar wie ein Karussell sein und keine Höher- und Weiterentwicklung kennen, aber dennoch macht es Spaß und es gibt immer wieder Neues zu sehen und zu erleben. Auch aus einem Karussell steigt man ungern aus.

„Was wäre, wenn die Alten immer länger leben würden?“, fragte Sisyphos. „Alte sterben nicht aus, Kinder werden geboren. Die Menschenzahl stiege ins Unermessliche“.

 „Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wer weiß schon, welcher Fortschritt morgen gilt, der eine große Zahl von Menschen möglich macht. Aber, wenn ich es mir genau überlege, wieso brauchen wir überhaupt so viele Kinder?“

Der Schwarzmantel kratzte sich am Kopf. „Ich frage euch, warum ein schon viele Jahre Lebender nicht ebenso kreativ und flexibel sein kann wie ein Junger? Wir müssten dazu nur eine Art Bildungspass bei uns einführen, mit dem neue Denkmuster nachgewiesen werden. Noch besser, wir schnippeln ein wenig an unseren Genen und bekommen eine zweite Pubertät, in der wir gegen unsere eigene Vergangenheit rebellieren.“ 

Der Schwarzmantel lebte auf und rief: „Meine Devise, liebe Freunde: statt Sterben der Alten, viele Leben in einem Leben.“

aus: Morgen, ein Zukunfts-Roman, S. 130 ff.

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