Liebe – überwindet sie alle Gesetze?

Helmut Saiger, Brücke, Acryl auf Leinwand

Alle Menschen lieben?

Gott, der alle Menschen ohne Vorbedingungen liebt, der/die Partner*in, der/die mich ohne alle Vorbedingungen liebt, die Eltern, die ihre Kinder ohne alle Vorbedingungen lieben, kann man das glauben, so sehr man es sich auch wünscht, wo doch alles von irgendwelchen Vorbedingungen abhängig ist.

Man kann nicht alle Menschen in gleichem Maße lieben. Natur hat es scheinbar so eingerichtet, dass man zuerst seine Familie und Verwandten liebt, die die eigenen Gene tragen. Sich der Gemeinschaft mehr verbunden fühlt, mit der man zusammenlebt als fremden Gemeinschaften.

Entwicklung entsteht auch durch den Wettbewerb der Ideen und Überzeugungen. Und das ist bei knappen und endlichen Ressourcen, die nicht für alle Ideen und Überzeugungen reichen, auch mit Kampf verbunden. Es fällt sehr schwer, die zu lieben, mit denen man sich in Wettbewerb oder im Kampf befindet.

Kann man sich zu Liebe frei entschließen? Ich habe versucht, mehr das Liebenswürdige in anderen zu sehen, ich habe versucht, möglichst vieles zu verzeihen, im Ergebnis ist meine Wut nur größer geworden, wenn es auf meine Kosten oder meine Überzeugung ging. Endlich gestand ich mir ein, dass ich nur bestimmte und wenige Menschen lieben kann, und das entsteht von innen heraus. Ich kann es nicht beeinflussen, dass ich meine Partnerin liebe und mein Kind, meine Familie, Freunde und Gleichgesinnte …, die anderen höchstens akzeptieren, so wie sie sind, was auch manchmal viel Kraft erfordert.

Die man liebt, sind nicht nur Ursache von Freude und Glück, sondern oft auch Ursache von Leid und Streit. Man kann liebend sich selbst verlieren. Den anderen mit seiner Liebe verfolgen. Ausgebeutet werden. Liebe verwandelt sich oft in zerstörenden Hass, wenn sie enttäuscht wird. Liebe ist ohne Risiko nicht zu haben. Was wäre, wenn ich mehr Menschen lieben könnte? Wer sich vielen Menschen verbunden fühlt, hat eher wenig Zeit und Energie für den Einzelnen.

Ein Hohelied auf die Liebe

Dennoch, Liebe ist ein sehr gutes Gefühl. Deshalb will ich jetzt ein Hohelied auf die Liebe singen: Was ist an Liebe so einzigartig? Warum suchen so viele nach ihr? Warum rührt nichts so alle Völker, wie wenn Menschen eine ungewöhnliche Liebe und Hinwendung zueinander zeigen? Warum handeln so viele Romane und Theaterstücke (Romeo und Julia, Philemon und Baukis, Die Leiden des jungen Werther, Orpheus und Eurydike, die Leichtigkeit des Seins …) nicht nur Schmonzetten, auch große Literatur, von Liebe? Liebe ist das im Leben, das alles im Menschen positiv aktiviert und Gutes zum Blühen bringt (so wie Hass alles im Menschen negativ aktiviert und Böses zum Blühen bringt). Liebend will man erfolgreich für den anderen sein und ihm Glück bringen. Liebend erkennt man keinen Unterschied mehr zwischen eigenem Glück und dem des anderen. Liebend ist man großzügig. Bei Liebe geht es nicht mehr um Anerkennung, denn man wird ja schon geliebt. Für deine Liebe bist du bereit zu kämpfen. Für deine Liebste oder deinen Liebsten strengst du dich an und machst dich schön. Gleichzeitig spielt das auch wieder gar keine Rolle. Für deine Liebe tust du (fast) alles, verlässt alte Freunde und gibst alte Gewohnheiten auf und gleichzeitig willst du alle alten Freunde versammeln und ihnen von deiner Liebe erzählen. Der/die Liebste zeigt sich unerwartet auch mit Schattenseiten. Das spielt keine wirklich bedeutende Rolle, denn Liebe „funktioniert“ nach ganz anderen und eigenen Gesetzen. Sie ist vernünftig und unvernünftig zugleich. Sie ist anspruchsvoll und fordernd und gleichzeitig fast alles verzeihend. Sie gehorcht keinem Plan.

All die Berater und Experten, von denen der eine sagt, Liebe entstehe aus gemeinsamen Werten, der andere, Liebe entstehe aus Gegensätzen, der nächste, die Frau sucht den erfolgreichen Mann …, werden widerlegt von all denen, die aus genau entgegengesetzten Gründen lieben. Liebe ist das einzige Gut, das alle Grenzen und Klüfte zwischen den Menschen überwinden kann. Arme lieben sich wie Reiche, Reiche lieben Arme, Rücksichtslose werden geliebt, ebenso wie Fürsorgliche, sogar ein Opfer kann seinen Peiniger lieben. Kann man das begreifen?

Liebe ist die Überwindung von dem, was ansonsten unsere Natur ausmacht: Überleben zu wollen, vorwärtskommen zu wollen, „Deals“ einzugehen. Liebe ist die Überwindung des Geworfen seins. Sie blamiert die anderen, die nur auf Vernunft setzen.

Liebe und Glück, Gesellschaft verdächtig?

Glückliche Menschen sind Priestern und weltlichen Führern suspekt, die Anstrengung und Bemühen wollen für höheren Sinn und Sozialprodukt. Auch wenn sie etwas anderes predigen, sind sie eher an den „in Knappheit Lebenden“, den immer mehr Wollenden, denjenigen, die nach Liebe suchen und sie noch nicht gefunden haben, interessiert, als an den Glücklichen und Liebenden, die ihr Angebot weniger brauchen, da sie gefunden haben, was sie suchen. Andererseits: Liebe setzt Kräfte frei und motiviert beispielsweise (manchmal) zu mehr beruflichem Engagement und mehr Ausgaben (Anschaffungen, Ausgehen …). Außerdem spielt sie eine gesellschaftlich funktionale Rolle z.B. zur Familiengründung. Man kann mit Vorsicht sagen: Gesellschaft ist an Liebe insoweit interessiert, als dabei für ihre Institutionen etwas nützliches herauskommt. Es spielt sich alles zwischen den Polen ab: „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“ (Siegmund Freud) und „Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte, das Amen des Universums.“ (Novalis)

Liebe ist ein seltenes Gut

Liebe ist ein seltenes Gut, so wie Gold. Deshalb suchen alle so nach ihr. Was das Herausfordernde an ihr ist, was alles Erfolgsstreben beleidigt: Die Chancen für (wahre) Liebe erweitern sich nicht wesentlich durch Haus, Bildung, Geld, Erfolg. Es ist wie mit dem Lotto Spielen: Die Chance auf den Hauptgewinn erhöht sich nicht wesentlich, egal, ob man mit einem Einsatz von 10 Euro oder 10.000 Euro spielt. Wer sich um ein komfortables Leben sorgt, für den bildet die Suche nach Geld, Gesundheit, einem schönen Körper, den pragmatischeren Weg zur Zufriedenheit.

Liebe ist ein unsicheres Gut

Liebe bietet keine Sicherheit. Weiß ich, ob ich morgen eine andere lieben werde, weiß ich, ob sie morgen einen anderen lieben wird? Wissen wir, wie unsere Liebe sich wandeln wird? Z.B. in Hass, wenn Liebe und Vertrauen verletzt werden. Sie ist der größte Friede, gleichzeitig gefährliche Energie, bei der man Haus und Hof und sich selbst verlieren kann.

Warum suchen so viele nach Liebe und finden sie nicht?

Vielleicht, weil sie ein zu enges Herz haben und Liebe nicht ohne ein großes Herz gedeihen kann? Vielleicht, weil sie sie an zu viele Voraussetzungen knüpfen? Weil sie Pragmatiker sind und nicht „Idealen“ nachhängen wollen? Weil zu sehr nach Sicherheit streben?

Liebe drückt sich in vielen Formen aus

Liebe ist nicht nur erotische Liebe. Ein starkes Gefühl der Fürsorge, der Liebe, der Wertschätzung und der Verbundenheit kann auch beispielsweise aus Caritas-Nächstenliebe erwachsen. „Werkmenschen“ wie Einstein oder Picasso oder ein Workaholic, die mehr auf ihr Werk und ihre Arbeit orientiert sind und weniger an anderen Menschen, können sich liebend ihrem Werk hingeben. Andere lieben ihren Hund oder ihre Katze. Andere Gott und die Natur.

Kann man auch ohne Liebe gut leben?

Ja! Man kann auch ohne Liebe ein gutes Leben führen. Ich habe gelesen, dass früher die meisten Ehen aus pragmatischen Vorteilsgründen geschlossen wurden, beispielsweise um Höfe und Ländereien zusammenzulegen (Glückliches Österreich, heirate!) und dies ist in vielen Ländern auch heute noch der Fall. Man kann Sinn und Zufriedenheit in seinem Leben finden beispielsweise in einer Aufgabe, Familie, Kinder, Beruf, Erfolg, Zugehörigkeit.

Natur hat es so eingerichtet, das Überleben und Wohlbefinden unter vielen Umständen gesichert sind. Man muss kein besonderer Heiliger, kein besonderer Intelligenter und eben auch kein besonders Liebender sein, um gut und wertvoll und glücklich leben zu können.

Wenn man der Liebe mehr Chancen einräumen will, was kann man tun?

Alles hängt mit einem Überfluss an persönlichen Ressourcen zusammen, das Geben ermöglicht. Wieviel Energie verbrauche ich für mich selbst, wieviel Energie habe ich für andere übrig, weil ich nicht alles für meinen Erfolg, meinen inneren Konflikten, meiner Selbstverwirklichung/Selbstoptimierung … brauche? Welche Zeit habe ich für den anderen? Welche Energie?

Wieviel kann ich verzeihen? Wie eng sind meine Grenzen, meine „roten Linien“? Wenn man manchen Streit unter Paaren (oder zwischen Nachbarn und Staaten) betrachtet, sie streiten sich oft – mit den Augen eines neutralen Dritten betrachtet – wegen unbegreiflicher Kleinigkeiten! Ich bin davon überzeugt, dass, wenn jeder nur etwas mehr Großzügigkeit walten lassen würde, die meisten Konflikte gar nicht erst entstehen würden.

Was ein Liebestöter sein kann: Zu idealistische Erwartungen an die Liebe. Manche Paare verfolgen ein romantisches Liebesideal, das andere Kulturen gar nicht kennen. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten für Liebe geben und Liebe annehmen. Besser, sie würden zu ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten stehen, als sich nach einem Ideal zu richten.

Was erleichtert Liebe noch? Sie wissen es ja selbst: Achtsamkeit/Empathie: Was tut dem anderen gut? Was wünscht er sich wirklich? Ein altes Ehepaar: Er reicht ihr beim Frühstück die obere größere Brötchenhälfte und nimmt für sich selbst die untere flache, wie er es schon seit Jahren getan hatte. Eines Morgens sagt sie zu ihm: „Eigentlich wollte ich immer den flachen Teil vom Brötchen, weil ich bei ihm besser meine Eierscheiben, Käse, Tomaten aufhäufen kann, ohne dass es für meinen Mund zu sperrig wird.“ „Ich wollte eigentlich immer den weichen, oberen Teil“, sagte er daraufhin, „weil er besser meine Marmelade aufsaugen kann.“

Robustheit/Resilienz: Es ist nicht Schwäche, sondern Stärke, wenn man die Launen und Enttäuschungen der anderen gut aushalten kann. Robustheit ist eine unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen jeder Beziehung, weil Menschen kompliziert sind. Ich lebte eine Weile auf einem Bauernhof. Das Bauern-Ehepaar warf sich manchmal Schimpfworte an den Kopf, bei denen sich Großstädter schon lange getrennt hätten. Sie waren seit vierzig Jahren verheiratet.

Ein Vertrag zwischen unvollkommenen Menschen: Ich habe Träume/ Du hast Träume/ Ich bin unvollkommen/ Du bist unvollkommen/ Du hast Erfolge/ Ich habe Erfolge/ Du hast Misserfolge/ Ich habe Misserfolge/ Du und ich können nicht immer/wie wir wollen/ Du und ich strengen uns an/Du und ich haben gute und schlechte Seiten/ lass uns auf gleicher Höhe/ in die Augen sehen/und uns verstehen.

Wissen, wie Menschen ticken: Oft empfindet man etwas als ein persönliches Problem und leidet darunter. Da kann es helfen, sich zu fragen, ob man es alleine hat, oder ob es den meisten ähnlich ergeht. Es ist dann kein individuelles Problem mehr, es tritt einfach deshalb auf, weil Menschen so „ticken“. Wenn schon Millionen von Eltern sich darüber aufgeregt haben, dass ihre Tochter oder ihr Sohn das Kinderzimmer nicht aufräumen, warum sich darüber aufregen? Es scheint bei den meisten Kindern so zu sein, dass sie noch keinen Sinn für Ordnung haben. Wenn schon bei Millionen von Partnerschaften nach der ersten leidenschaftlichen Verliebtheit Alltag eingetreten ist, warum sich darüber aufregen? Es ist völlig normal. Verliebt man sich, wird ein Hormoncocktail ausgeschüttet (u. a. Dopamin, Adrenalin), der eine Art Drogenrausch erzeugt. Danach folgen Hormone, die Bindung und Vertrauen für die Erledigung der gemeinsamen Aufgaben unterstützen (Oxytocin, Vasopressin) und entlastende Gewohnheit. Das ist halt mal so und es macht Sinn.
Wenn Frau schon weiß, was ihr Mann im Bett als Nächstes tun wird, das geht wahrscheinlich den meisten so. Bedeutet es Anlaß zum Frust oder ist es ein Zeichen einer besonderen Intimität zwischen den beiden, die sie ganz für sich alleine haben? Was ja nicht ausschließt, ab und zu die Routine zu verlassen. Nach der Überhöhung des Individuums und seiner Selbstverwirklichung, schlägt das Pendel heute wieder mehr in Richtung Freundschaft, Verbundenheit, Zusammenhalt, Liebe als Glücksursache um.

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