Der Mensch als Schöpfergeschöpf

Pont du Gard, röm. Aquädukt

Ich habe mich immer wieder gefragt: Was macht eigentlich die Gattung Mensch speziell aus? Denn irgendetwas muss sie ja ausmachen als Geschöpf, sonst wäre sie ja überflüssig im Zusammenspiel der Natur. Dass der Mensch auf zwei Beinen stehen kann? Dass er freien Willen hat? Ein Sehnsuchtvoller, der seine Unvollkommenheit überwinden und sich selbst optimieren will? Ein nach Werten, Glück und Tugend Strebender? Die Krone der Schöpfung im Baum der Evolution? Oder nur ein Experiment der Evolution, ein Irrtum der Natur, der Natur zerstört, es also besser wäre für Natur und Erde, dass es die Menschen gar nicht erst gäbe?

Der Mensch als Gattung ist in besonderem Maß mit Fantasie (was ist vorstellbar?), Träumen (was wäre schön?), Werten (was soll sein?) und Verstand (wie könnte es funktionieren?) ausgestattet. Mit diesen kreativen Fähigkeiten erfindet der Mensch immer wieder neue Kulturen.Der Mensch ist ein Schöpfergeschöpf und Kulturenbauer.

Menschen können nicht so gut sehen wie ein Adler, nicht so gut riechen wie ein Spürhund, nicht so schnell rennen wie eine Antilope. In ihren Genen sind keine Baupläne für eine spezielle Art der Behausung programmiert, optimiert für die Umwelt, in der sie leben, wie beispielsweise bei Ameisen oder Mäusen. Gerade diese scheinbare Unvollkommenheit, dass Menschen keine speziellen Prägungen für eine bestimmte Umwelt haben, zwingt sie, ihre Umwelt durch technisches und kulturelles Schöpfertum (z.B. Werkzeuge, Sprache, Gesellschaftsform …) für ihr Überleben und gut Leben selbst zu gestalten. Da verwundert es nicht, dass sich das menschliche Gehirn erst nach der Geburt im Detail ausformt und während des Lebens plastisch bleibt. Die Fähigkeit zu technischem und kulturellem Schöpfertum ist auch ein Grund dafür, dass Menschen in (fast) allen Umwelten überleben können, in der heißen Sahara ebenso wie im kalten Norden.

Selbst in Wohlstandsgesellschaften mit weitgehend sorglosem Rundumnetz, erfinden Menschen dauernd neue Moden, Güter, verändern ihre Werte. Schon im Kindergarten formen Kinder Knetfiguren und zerstören sie wieder und bauen Neue oder bei einem Urlaub am Meer, bauen Kinder Sandburgen.

„Im Einklang mit der Natur leben“. „Möglichst wenige Ressourcen zu verbrauchen.“ Zeitweiliger Rückzug und Nachdenken darüber, ob der jetzige Weg des Schöpfertums der Richtige ist, das macht schon Sinn. Aber das menschliche Schöpfertum abstreifen zu wollen, sich nur an vorhandene Natur und vorhandene Kultur anpassen zu wollen, das widerspricht dem, wozu der Mensch eigentlich von der Evolution geschaffen wurde, ein Schöpferwesen zu sein. Die Kulturen, in denen vorwiegend Anpassung herrscht, an religiöse Gesetze oder alte Traditionen, sind meist Kulturen, in denen die Bevölkerung am Existenzminimum lebt, wenn es nicht gerade Reichtum an Öl gibt.

Statt also seine Bestimmung anzunehmen, dass den Menschen ausmacht, ein kulturelles Schöpfergeschöpf zu sein, hat der Zeitgeist Angst vor den Folgen des menschlichen Schöpfertum. So wie früher eine zu große Euphorie für die Segnungen des technischen und kulturellen Fortschritts war, ist heute eine zu große Angst vor ihm. Z.B.:

Der Vorsorgewahn von Gesundheitsfetischismus bis hin zu Kindern schon im Kindergarten möglichst viel Vorrats-Fertigkeiten für mögliche Wechselfälle des Lebens zukommen zu lassen.Nichts gegen Vorsorge und Unglücksvermeidung. Vorsorge war schon immer eine Botschaft aller Erziehung in allen Kulturen. Aber in der jetzigen Übertreibung entsteht die Gefahr, dass Menschen über alle Vorsorge die Fähigkeit verlieren, Risiken und nicht Vorhergesehenes zu bewältigen.

Die Lust an Unglückspropheten. Untergangspropheten hatten noch nie recht. Bisher sind weder die Menschheit ausgerottet worden noch ist die Welt untergegangen trotz größter Katastrophen wie Meteoritenenschläge und die Pest. Als kreatives Schöpfergeschöpf kann der Mensch nicht nur zerstören (Erderwärmung, Artenvielfalt …) sondern auch heilen, wenn auch oft auf den letzten Drücker. Heilen kann man aber nicht durch Rückzug alleine. Es braucht auch die Ergänzung durch aktiven Erfindergeist und Schöpfertum, beispielsweise sowohl Energie einzusparen als auch Windräder zu erfinden.

Trotz aller Rückschläge, Grausamkeiten und Unvollkommenheit: Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Eine Serie der Zeitschrift „SPIEGEL“: „Früher war alles schlechter“. Es gibt viel weniger Säuglingssterblichkeit als früher. Viel weniger als früher sterben an Hunger. Viel mehr Menschen können rechnen und schreiben. Menschen leben länger (zum menschlichen Fortschritt siehe auch Steven Pinker: Aufklärung jetzt). 

Schauen wir einige Träume der näheren Vergangenheit an, die Menschen zu Engagement getrieben haben, von dem wir noch heute profitieren: Erhards „Wohlstand für alle“; Befreiung von alten (Nazi-)Werten in der 68iger Bewegung; ein durchlässiges Bildungswesen, das viele Wege erlaubt; Antiatomkraft-Bewegung; die sexuelle Befreiung; Alice Schwarzers Emanzipationsbewegung; Ökologie als so großes Thema, dass hieraus eine neue Partei entstand.

Fragt man heute Menschen, welche Vorstellungen und Träume sie von einer Zukunft haben, die sie „vom Hocker reißen“ würde, meist nichts als Schweigen oder Angst. Wenn es Vorstellungen gibt, dann die von einer Verlängerung der Gegenwart mit Verbesserungen im Detail. Oder die Sehnsucht nach einem neuen (religiösen, politischen) Führer, der von den vielen Wahlmöglichkeiten (für die ja Generationen für ihre Kinder gekämpft haben) befreit, von der „ganzen Komplexität“.

Wenn wir aber akzeptieren, dass wir als Gattung Mensch gar nicht anders können als gestaltende Schöpferwesen zu sein, dann verlagert sich die Frage des ob, auf: In welchen Gebieten wollen wir es sein?

Es zeichnen sich heute einige Gebiete ab:

Umweltschutz: Schöpfertum gegen drohende Klimakatastrophe, E-Cars, ökologische Infrastruktur …

Digitalisierung: Smart Home, Home Office, Homeschooling, soziale Netze, Lieferplattformen, e-Spiele, digitale Wirtschaft … Roboter und Androide (Roboter mit fast menschlichem Aussehen und Gebaren), werden in Zukunft zum Alltag gehören, beispielsweise als Altenpfleger*in?

Gesundheit: Erweiterung der körperlichen und geistigen Ressourcen durch Organzüchtung, intelligente künstliche Organe, neuronale Chips, Eingriff in die Genstruktur (CRISPR), individuelle Medizin, Verlängerung der Lebensdauer …

Arbeit: Care-Ökonomie: Höherbewertung sozialer Berufe von Kindergärtner*in bis Altenpfleger*in. Von der Erwerbsarbeitsgesellschaft zu einer neuen Tätigkeitsgesellschaft? Wieso ist Erwerbsarbeit nur anerkannte Arbeit? Ist man als Vater und Mutter und als Ehrenamtlicher nicht auch nützlich für die anderen? Findet Produktivität nur in der Wirtschaft statt? Wie könnte eine Gesellschaft jenseits der Erwerbsarbeit aussehen, wenn „Roboter“ zunehmend Produktion und Dienstleistungen erbringen?

Gesellschaft: Ist die heutige Form der repräsentativen Demokratie der Weisheit letzter Schluss, alternativlos? Welche neuen Staatsformen kann es geben, in der alle Bürger ihre Meinung und ihre Sehnsüchte einbringen können? Werden in Zukunft Werte wie Nachhaltigkeit, Zusammenhalt, sozialer Wohlfühlstand an Bedeutung gewinnen? Tun sich u.a. in Silicon Valley bisher nicht gekannte neue Diktaturen auf, die für Bequemlichkeit und Dienstleistung alles von Bürgern und Kunden wissen wollen und so alle überwachen und steuern können? Ist künstliche Intelligenz in Zukunft Diener*in oder Herrscher*in?

Der Mensch kann als schöpferischer Kulturenbauer Gutes und Schlechtes bewirken einem Hammer gleich, der Nägel für ein schönes Bild einschlagen kann aber auch einen Schädel zertrümmern. Aber, wenn der Hammer nicht mehr Hammer sein wollte? Wozu wäre er dann noch gut? Stellen wir uns also unserer Bestimmung und Verantwortung als Schöpfergeschöpf.

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