Der „Alltagsmensch“, der jedem Glücks- und Erfolgs-Guru überlegen ist

gesehen im Kulturzentrum von Ljubljana

Warum bewältigen überall auf der Welt die meisten Menschen, bei ganz unterschiedlichen Bedingungen, ihr Leben, vom Nordkap bis zum südlichen Feuerland? Es sind Menschen mit unterschiedlichen Religionen, Überzeugungen, kulturellen und ökonomischen Lebensvoraussetzungen und unterschiedlicher Bildung.

 Nach all der vielen Ratgeber-Literatur und den vielen Guru-Lehren, wie man ein glückliches, erfolgreiches und sinnvolles Leben zu führen hat, ist es an der Zeit, auch einmal ein Loblied auf die vielen „alltäglichen“ Menschen zu singen, die überleben und (mal weniger, mal mehr) gut leben, ohne je von diesen Lehren erfahren zu haben. Was ist ihr Geheimnis?

 Sie sind wie Unkraut, das unter vielen Bedingungen überleben kann. Egal ob Sonne oder Schatten, egal ob schwerer Lössboden oder leichte Erde, sie suchen sich ihren Weg zum Licht. Der Alltagsmensch schließt oft nicht aus, dass es eine höhere Kraft gibt, und wendet sich auch manchmal im Gebet an sie. Aber er handelt auch so, dass er selber seines Glückes Schmid ist. Er hat Träume, wünscht sich den Ritter auf dem weißen Pferd als Mann oder die schöne Prinzessin als Frau, aber wählt sich den Partner, auf den er vertrauen kann. Er ist Egoist und Sozialwesen. Er entscheidet meist intuitiv und emotional und nach seinem „gesunden“ Menschenverstand, was nicht ausschließt, dass er ab und zu auch systematische Methoden der rationalen Entscheidung einbezieht, indem er beispielsweise eine Verbraucherzeitung liest, wenn es um eine aufwendige Anschaffung geht. Er unterwirft sein Leben keiner Lehre ganz, sondern er pickt sich aus allen Botschaften die „Rosinen“ heraus, die er gerade für sein Leben benötigt. Es gilt für ihn nicht in erster Linie das „entweder oder“, sondern je nach Lebenssituation einmal das eine und dann wieder das andere, das „Sowohl-als-auch“, das eine tun und das andere nicht lassen. Er treibt Sport am Tag ganz vernünftig und trinkt spät abends mal ein Glas zu viel Rotwein oder Bier oder Sekt ganz unvernünftig. Er bevorzugt klare Rahmenbedingungen, Regeln und Sicherheit, da er so effizient sein Glück und seinen Erfolg verfolgen kann, gleichzeitig wird ihm bei zu viel Sicherheit und Stabilität langweilig, er sucht dann das Risiko, fährt zu schnell Auto, bucht einen Outdoor-Abenteuerurlaub oder wagt einen Seitensprung. Kaum hat er in inniger Versenkung einen Sonnenuntergang genossen, greift er schon wieder zum Smartphone, um sich für eine laute Disko zu verabreden. Einmal konzentriert er seine Energie ganz auf eine Aufgabe und versucht das Bestmögliche zu erreichen, dann wieder pflegt er die Routine und ist zufrieden, wenn die Dinge einfach nur laufen. Er kann sich in Tantra und Kamasutra üben, was ihn nicht daran hindert, es anschließend bei seinen drei Lieblingsstellungen zu belassen. Er hat zwar eine mehr oder weniger feste Vorstellung davon, was er als ein gutes Leben ansieht. Das hindert ihn aber nicht daran, von seinen Vorstellungen immer wieder abzuweichen, und etwas anderes zum guten Leben zu erklären. Er hat ein Wertegerüst, Dinge, die für ihn wichtig und wertvoll sind, der eine mehr „Disziplin und Ordnung“, der andere mehr „Kreativität und Flexibilität“, was aber nicht ausschließt, dass er des Öfteren die „Fünf mal gerade sein lässt“ und sich nicht danach richtet. Er hat Träume und ist pragmatisch, einmal ist er friedlich und dann wieder aggressiv. Er strebt nach Harmonie und Glück, aber bewältigt meistens seinen oft von Konflikten und Enttäuschung geprägten Alltag ohne tiefere Blessuren. Kurz, es ist ein Mensch, der jeden Guru zur Verzweiflung treiben kann.

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