Aktuell

20.07.2020: Aktualisierungen und weitere Pflege meiner Website unter der neuen Adresse: https://helmutsaiger.wordpress.com

Corona-Gedanken

1. Quarantäne

Diese 3 Sternzeichen sind in der Quarantäne extrem faul
Bild: fizkes / Shutterstock.com. https://www.miss.at/sternzeichen-quarantane-faul/

„Willst du etwas wirklich Schweres erlernen?“, fragte Baukis ihn. „Decke dich mit Vorräten ein. Zwei Wochen sollst du dein Haus nicht verlassen.“

Die ersten Tage waren schrecklich. Notgedrungen holte er sich die Welt in sein Heim, sah Filme und Reportagen und las in dem Buch über Orpheus und Eurydike weiter. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen dieser unproduktiven Muße, die er sich nicht wie gewohnt durch Arbeit verdient hatte. Er könnte Dinge tun, die er bisher vernachlässigt hatte, überlegte er: seine Kochkünste verfeinern, seine rhetorischen Fähigkeiten üben, Gymnastik, meditieren, seine Gedanken aufschreiben. All das begann er, aber da es nicht seine Gewohnheit war, verlor er rasch die Lust dazu.

Seine Unruhe wuchs, er wusste einfach über längere Zeit nichts mit sich alleine anzufangen. Auch wurde er immer müder. Zuerst hatte er ein schlechtes Gewissen, wenn er später aufstand. Ab dem vierten Tag begann er sein langes Schlafen zu genießen. Warum sollte er nicht schlafen, so lange er wollte und zwischen Wachen und Traum seinen Gedanken freien Lauf lassen? Er war frei, er konnte tun, was immer er wollte.

Musik wurde zu seiner liebsten Freundin. Sie begleitete ihn beim Lesen, beim Schreiben und er brauchte sie beim täglichen Zähneputzen. Immer öfter saß er nur da und träumte. Er hatte kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Wie er gerade Lust hatte, tat er etwas oder auch nicht und freute sich über die Ruhe, die ihm zuwuchs. Ab dem neunten Tag erfüllte ihn Leichtigkeit. Statt sich weiter vorzuwerfen, dass sein Tun keinen sozialen Wert hatte, genoss er den Luxus, sein eigener König zu sein.

Als er gerade meinte, auch als Eremit nur mit sich selber glücklich zu sein, weil er sich zunehmend als rund und ganz empfand, wuchs in ihm die Lust, die anderen zu sehen. Am 14. Tag öffnete er seine Wohnungstür. Er besuchte die anderen, nicht nur aus Angst vor dem alleine sein. (vergl. Helmut Saiger, Morgen, Freiburg 2018, S. 192ff)

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2. Runder werden im alleine sein

Karl Lagerfeld: Ich muss alleine sein | GALA.de
https://www.gala.de/beauty-fashion/fashionfeed/karl-lagerfeld–ich-muss-alleine-sein-20180770.html

Es gibt über 40% Single-Haushalte in Deutschland, besonders abhängig vom Ausgehen und Einkaufen. In Corona-Quarantäne können Überlegungen zu mehr Autonomie entstehen. Sich selbst mehr schätzen und mehr lieben. Seine Fähigkeiten und Interessen erweitern, z.B. kochen, schreiben, malen, tanzen, Sport, werkeln …; seine Robustheit/Resilienz, Toleranz, Flexibilität … üben.

Dabei gilt es einiges zu berücksichtigen, damit mehr Rundheit entsteht: (1) Sich fragen, was könnte mich noch interessieren, mir Freude bereiten? Wo liegen noch meine Stärken? (2) Besonders solche Fähigkeiten üben, die Ergänzung zu vorhandenen sind: Ist man eher ein „Schreibtischtäter“, mehr Berücksichtigung von Sport. Ist man eher vernünftig und von effizienter Natur, sich mehr Genießen und „Unvernunft“ leisten. (3) In seinen Werten und Einstellungen Konkurrierende trainieren, die sogar im Widerspruch zu den vorhandenen stehen, damit man widersprüchliche Situationen besser meistern kann. Denkt man z.B. in erster Linie an nützlich für andere zu sein, an sich selbst denken üben, sein eigenes Glück trainieren. So kann man beides: an andere denken und an sich selbst. Neues sich anzueignen, fällt allerdings schwer. Der Philosoph Friedrich Nietzsche:“Auch der Klügste nimmt seine Gewohnheit wichtiger als seinen Vorteil.“ Aber ohne es, kann man nicht runder werden.

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3. Renaissance der Hauswirtschaften?

Ob Feiern, Club, Fußballspiele, plötzlich sind Mitfeiernde auch Corona-Gefahrenquelle. Manche entdecken deshalb die Vorzüge des eigenen Haushalts, der eigenen Hauswirtschaft und der eigenen Selbstversorgung, z.B. Kochen, Spiele mit der Familie, Homeschooling, Lieferdienste, Fußball und Filme per Streaming … . Aber das ist ungewohnt. Gewohnt sind öffentliche und marktliche Versorgung, (Ganztages-) Kitas und Schulen, Shopping, Kino, Essen gehen … Kein Wunder, dass in vielen Familien durch das „Aufeinander-Hocken“ in der eigenen Wohnung Stress entsteht. Man ist einfach nicht mehr an längeres tägliches Zusammensein mit Partner und Kindern gewohnt und hat manchmal Fertigkeiten wie Kochen und Spielen verlernt. Vielleicht wird sich ein neues Gleichgewicht einspielen zwischen marktlicher und öffentlicher Versorgung und Eigenleistung und Zusammenleben im eigenen Haushalt.

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4. Der Mensch als Schöpfergeschöpf? Schöpfer oder Geschöpf?

Der Mensch als Schöpfergeschöpf - Gegen Zukunftsangst - Helmut Saiger
Pont du Gard, röm. Aquädukt

Ein Scheiß-Corona-Virus, Wirtschaft und unbekümmertes Zusammensein gehen in die Knie. Jetzt und nicht in (naher) Zukunft wie Umweltkrise aus Erderwärmung. Aber, was Corona auch lehrt: Die einzige Hoffnung besteht in neuen Medikamenten und Impfstoff. Also in der Eigenschaft des Menschen als Schöpferwesen. Bei der Corona-Krise liegt die Betonung auf dem Menschen als kreativer Schöpfer. Bei der Umwelt-Krise in der Betonung auf den Menschen als Geschöpf, das heißt in Anpassung an die Natur. Wir sind beides: Schöpfer (Fantasie-was ist vorstellbar? Träume-was wäre schön? Werte-was soll sein? Verstand-wie könnte es funktionieren?) und Geschöpf, abhängig wie alle Lebewesen von Umweltbedingungen, die wir gewaltig zerstören, aber auch gewaltig heilen können als Mitschöpfer.

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5. Digitale Zukunft?

Corona macht es überdeutlich: Home Office, Homeschooling, WhatsApp/Skype, Lieferplattformen, e-Spiele …, die Zukunft ist digital.

Androide, also Roboter mit (fast) menschlichem Aussehen und Gebaren, sie sind als nicht biologische Wesen auch nicht von Corona-Virus bedroht, haben außerdem keine Launen und sind 24/7 einsatzbereit ohne Ermüdung. Werden sie in Zukunft zu einem zunehmenden Teil der Gesellschaft werden? Beispielsweise als Masseur*in, als Sex-Partner*in, als Reiseführer*in, als Lehrer*in, als Altenpfleger*in?

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6. Expertokratie

Eine Person wird vorgeschlagen.
https://www.bundestag.de/leichte_sprache/was_macht_der_bundestag/wahl

Besonders in Krisenzeiten sehnen sich manche Menschen nach Führer*in. Beispielsweise bei Kirche, Militär, Ideologie. Seit Kirche, Militär, Ideologien an Strahlkraft verloren haben, suchen manche die Lösung aller Probleme bei (wissenschaftlichen) Experten. In Corona-Krise bei Virologen und Epidemiologen.

Man sollte dabei aber nicht vergessen: Experten kommen aus einer Fachdisziplin. Sie beschäftigen sich also nur mit einem Teilaspekt des Lebens, z.B. der wirtschaftlichen oder der biologischen Seite. Insofern können Experten nur Teilantworten geben. Sie beruhen auf (vorläufig gültigen) Thesen und ceteris paribus-Modellen.

Eine gewisse Übereinstimmung zwischen den eindimensionalen Modellen einer Fachdisziplin und der vieldimensionalen, komplexen Realität entsteht immer dann, wenn Realität selbst anscheinend eindimensional wird, weil einzelne Größen zu beherrschenden werden, typisch für eine Krise. Entsprechend sind bei einer Wirtschaftskrise eben Ökonomen gefragt und bei einer Virus-Krise Virologen.

Wenn ein Ereignis neu und ungewohnt ist, liegt wenig oder kein gesellschaftliches Wissen vor, sonst wäre es ja nicht neu. Es liegt deshalb nahe, in dieser ungewohnten und neuen Situation auf die zu hören, die sich „hauptberuflich“ mit den Ursachen des Ereignis beschäftigen. Dass man (vorübergehend) in erster Linie auf Virologen und Epidemiologen gehört hat, hat sich als positiv erwiesen.

Aber zum Schluß müssen politische und gesellschaftliche Entscheider entscheiden. Denn die tausend Variablen, die das komplexe Leben ja ausmachen, bestehen weiterhin, z.B. bei Arbeitsplatz und Einkommen, Schule und Bildung. Man kann sie auf Dauer nicht vernachlässigen, selbst, wenn Corona-Gefahr weiter besteht. Man kann nur neue Wege suchen, die Corona-Gefahr bei der Gestaltung des (gesellschaftlichen) Lebens berücksichtigen, z.B. Social Distancing.

Meiner Ansicht nach falsch wäre es dagegen, Experten zu neuen Führern zu erklären, z.B. in Form einer Expertokratie, und von ihnen die bessere Lösungen bei der Bewältigung des Lebens zu erwarten, wie früher beispielsweise von Kirche oder Militär. (siehe auch den interessanten Artikel des Philosophen Arnd Pollman)

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7. Zukunft nach Corona?

3D-Computergrafik, geradliniger Strassenabschnitt als Symbol fuer den Weg zum definiertem Ziel mit Aufschrift ZUKUNFT 3D computer graphic, straight highway section representing a path to a defined goal lettering ZUKUNFT (Future) BLWS501258 Copyright: xblickwinkel/McPHOTO/M.xGannx (imago stock&people)
Auf dem Weg in die Zukunft (imago stock&people)

Wird „Welt“ eine andere werden aufgrund der Corona-Krise? Einige geschichtliche Erfahrungen:

Die Antoninische Pest war eine Pandemie, die in den Jahren von 165 bis 180 n. Chr. nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reichs herrschte. Freigelassene Sklaven und Bewohner anderer Völker mussten die Lücke füllen, die an der Seuche verstorbene Soldaten und Römer hinterlassen haben. In weitgehend entsiedelten Gebieten wurden zuvor unterdrückte Stämme angesiedelt. Die von Pandemie verursachte Schwächung des römischen Reiches beschleunigte seinen Untergang.

Als Schwarzer Tod wird eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte bezeichnet, die in Europa zwischen 1346 und 1353 geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen Bevölkerung – forderte. Eine funktionierende Wirtschaft konnte unter dem Eindruck der Pandemie nicht mehr aufrechterhalten werden. Arbeitskräfte starben, flohen und nahmen ihre Aufgaben nicht mehr wahr. Vielen schien es sinnlos, die Felder zu bestellen, wenn der Tod sie doch bald ereilen würde. Die Generationen konnten nach 1348 nicht einfach die sozialen und kulturellen Muster des 13. Jahrhunderts beibehalten. Der massive Bevölkerungseinbruch bewirkte eine Umstrukturierung der Gesellschaft. 

Vulkanausbrüche auf Island zwischen 1783 und 1785 brachten kalte Sommer, Missernten und Hungersnöte. Sie haben möglicherweise, so vermuten Umwelthistoriker, 1789 die französische Revolution (mit)verursacht. Naturkatastrophen und Pandemien haben also Geschichte umgeschrieben. So wie Kriege, herrschende Ungerechtigkeit und Not. Wie sollte es auch anders sein. Aber nicht nur negativ. Aus dem Niedergang des römischen Reiches schufen „Barbaren“ eine europäische Kultur. Die Pest im Mittelalter läutete mit die Neuzeit ein. Islands Vulkanausbrüche mit die französische Revolution und Aufklärung. Wir können also festhalten: Pandemien und Naturkatastrophen änderten Kultur und die Herrschaft von Völkern.

Die vorherrschenden Gene der betroffenen Menschen können sich epigenetisch zudem durch Aktivierung/Abschaltung bei tiefgreifenden persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen generationenübergreifend verändern. Beispielsweise besteht die Vermutung, dass die Pest im Mittelalter oder die mehrfache Geldentwertung in Deutschland das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung auch bei nachfolgenden Generationen verändert haben. Neuere Beispiele: der 11. September oder Tschernobyl.

Niemand kann in die Zukunft sehen. Aber man kann aus Geschichte ähnliche Muster erkennen, z.B. die Suche nach Schuldigen (Verschwörungstheorien), das Bemühen den status „ex ante“ wieder herzustellen (Beruf, Konsum, Wirtschaftswachstum), die Betonung von Wegen, die man vernachlässigt hat (mehr Autonomie, weniger Globalisierung) … .

Vergangene Katastrophen (Pandemien, Kriege, Vulkanausbrüche …) wirkten besonders dann als Katalysator, wenn schon vorher Veränderungs-Ideen zur Zukunft angelegt waren, z.B. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Aufklärung, Demokratie oder Restauration: Nach der spanischen Grippe (1918-1920),die mehr Todesopfer forderte als der erste Weltkrieg, konnten sich damalige Zukunfts-Ideen (Freiheit der Künste, Emanzipation, Räterepublik …) gegenüber Restauration nicht durchsetzen. Es endete mit Hitler und dem 2. Weltkrieg. Auch heute sind neue Führer und Restauration unterwegs. Aber auch Veränderungs-Ideen: Digitalisierung, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Zusammenhalt.

Was sind unsere Zukunfts-Vorstellungen, auf die wir nach Corona-Krise zurückgreifen können? Was malen sich unsere Fantasie aus (was ist vorstellbar?), unsere Träume (was wäre schön?), Werte (was soll sein?) und Verstand (wie könnte es funktionieren?)? Was könnte uns als kulturelle Schöpferwesen und an eine bessere Zukunft Glaubende, vom „Hocker reißen“? Besteht Zukunft nur im Verzicht (weniger Wirtschaftswachstum, weniger Konsum …) oder in etwas Neuem aufbauen?

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8. Eine Zukunftsversion von dem Zukunftsforscher Horst Opaschowski:

Horst Opaschowski/Benjamin Roebe

Corona-Generation verändert Welt – Forscher erklärt neue Glücksformel

FOCUS-Online, Dienstag, 26.05.2020, 08:33

Zukunftsforscher Horst Opaschowski ist überzeugt, dass sich in Deutschland nach der Krise ein neues, intensives Gemeinschaftsgefühl entwickeln wird. Mehr Zusammenhalt ist laut ihm das „Krisen-Credo 2020“: Das Verlangen nach gesundheitlichem Wohlergehen wird das nach materiellem Wohlstand künftig ablösen.

Zur Jahrtausendwende dominierte in der gesamten westlichen Welt das Millenniumsfieber. Es war der Höhepunkt einer Spaß-, Single- und Wohlstandsgesellschaft. Die internationale Sozialforschung sprach seinerzeit vom „bowling-alone“-Phänomen: Jeder schob seine Kugel allein. Neun Monate vor dem „11. September“ 2001 triumphierte auch in Deutschland der Individualismus. Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) der deutschen Bevölkerung war im Januar 2001 an einer „besseren Gesellschaft“ interessiert.

Zwei Jahrzehnte später: Ein geradezu explosiver Anstieg des Gemeinschaftsgedankens ist bei den Bundesbürgern feststellbar. Jetzt heißt es plötzlich: Wir sitzen doch alle in einem Boot; und für Egoisten ist kein Platz mehr. Der Anteil der Deutschen, der „mithelfen will, eine bessere Gesellschaft zu schaffen“, hat sich von 31 auf 83 Prozent mehr als verdoppelt, wie eine O.I.Z Repräsentativumfrage 2020 nachweist.

Die Angst vor einem Zerfall der Gesellschaft ist groß. In andauernden Krisenzeiten sehnen sich immer mehr Menschen nach einer besseren Welt, die sie der nächsten Generation hinterlassen wollen. Vor allem junge Familien machen sich mit einem Zustimmungsanteil von 92 Prozent für eine neue Mitmach- und Selbsthilfegesellschaft besonders stark. Mit diesem hohen Zustimmungsgrad ist zugleich die Sinnfrage verbunden: Wissen, wofür man lebt!

Krisen-Credo: Zusammenhalten statt Auseinanderdriften

Das Krisen-Credo 2020 lautet: Wir müssen mehr zusammenhalten – in Familie und Freundeskreis, in Nachbarschaft und Gemeinwesen. Aus Bürgersinn soll Gemeinsinn werden. Die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins während der Corona-Krise hat die Eigenverantwortung der Bürger gestärkt und zugleich das Verständnis von Solidarität verändert, weil die soziale Infrastruktur von der Kinder- bis zur Altenbetreuung als immer lückenhafter empfunden wurde. Über alle Generationen hinweg wird Solidarität jetzt auch als Eigenvorsorge verstanden: Für sich selbst sorgen können, um anderen nicht zur Last zu fallen.

Krisenerfahrung: Was macht ein Mensch ohne Familie?

Nach einer Ära bindungsfreier Singles und kinderloser Karrieristen stellt sich in der Krise immer öfter die Frage: Was macht ein Mensch ohne Familie? Eine Renaissance der Familie, ja eine neue Lust auf Familie steht unmittelbar bevor. Über die Verbindlichkeit sozialer Beziehungen wird neu nachgedacht. Gut zwei Drittel der Bundesbürger halten im Jahr 2020 die „Ehe mit Trauschein und Kindern“ für das „erstrebenswerteste Lebensmodell“ (Frauen: 69% – Männer: 65%) – immer unter der Voraussetzung, dass man sich eine Familiengründung auch leisten kann – materiell, mental und sozial.

Das Single-Dasein hat immer zwei Gesichter. Die einen leben allein, weil sie es wollen, die anderen, weil sie es müssen – auch ein Grund, warum Einsamkeit in Zukunft ein Regierungsthema werden kann. Nach dem gemeinsam mit dem Ipsos Institut entwickelten Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland (NAWI-D) macht Eigentum wie Haus, Wohnung und Auto jeden zweiten Bundesbürger glücklich. Aber viel wichtiger für das persönliche Wohlergehen erweist sich der Beziehungsreichtum in der eigenen Familie.Als Generationengemeinschaft mit starken Bindungen gibt sie Sicherheit im Leben und wirkt wie eine beständige Wertanlage. Ihre Rendite heißt Lebenserfüllung. Der familiäre Zusammenhalt trägt zur Gewinnmaximierung des persönlichen Lebens bei.

Wohlstand weiter denken: Besser leben statt viel haben

In sozial und ökonomisch unsicheren Zeiten stößt das Immer-Mehr auch an seine psychologischen Grenzen. Die Menschen denken neu über Wohlstand nach: Sie gleichen materielle Wohlstandsdefizite durch Lebensqualitäten in anderen Bereichen aus. Die Krise stimmt die Menschen nachdenklicher. Die Deutschen demonstrieren Besonnenheit und nennen als individuelles Lebensziel: Besser leben statt mehr haben.

Der Verbrauchermarkt steht vor großen Herausforderungen. Er muss sich mehr mit dem Wandel von der Ökonomie des Wohlstands zur Psychologie des Wohlergehens auseinandersetzen. Die Beachtung der subjektiven Wahrnehmung wird wichtiger. Objektiv wird es nach der Krise zwar als Nachholeffekt einen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Subjektiv aber kommt wenig bei den Verbrauchern an. Immer mehr Verbraucher halten ihr Geld zusammen, sorgen für eiserne Reserven und sparen für die eigene Zukunft. Ein neues Zeitalter der Sparmaßnahmen beginnt. Die Sehnsucht nach einem schöneren Leben bleibt erhalten, ihre Verwirklichung muss man sich auf Dauer aber auch leisten können. Eine entsprechende Kaufzurückhaltung der Konsumenten ist zu erwarten.

Die Post-Corona-Generation wird auf Dauer nicht mehr so weiterleben wie ihre Elterngeneration. Der Perspektivenwechsel vom Wohlstand zum Wohlergehen macht die Konsumfrage zur Sinnfrage: Fragwürdig wird der Konsumdreiklang von Shopping/Kino/Essengehen, in weite Ferne rücken weite Reisen und auch lebensstandardsichernde Renten sind nicht mehr sicher. Mit dem Bedeutungsverlust der dominanten Konsumorientierung des Lebens kommt es zu einer Verschiebung der Lebensprioritäten: Gut leben statt viel haben, vorsorglich sparen statt verschwenderisch mit Geld umgehen und den neuen Zeitwohlstand und Beziehungsreichtum genießen.

Die Glücksformel in Bertolt Brechts Dreigroschenoper – „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ – wird erweitert und neu bewertet. Wohlstand wird zu einer Frage des persönlichen und sozialen Wohlergehens. Wohlstand kann auch bedeuten, weniger Güter zu besitzen und doch besser zu leben.

Gesundheit so wertvoll wie Geld: Charité so wichtig wie VW?

Die Krise auf den Punkt gebracht: Ohne Gesundheit ist fast alles nichts wert. Die Gesundheit wird zum Megamarkt der Zukunft. Es boomen Bio- und Gentechnologien, Pharmaforschung und Forschungsindustrien gegen Krebs, Alzheimer und Epidemien sowie gesundheitsnahe Branchen, die Care, Vitalität und Revitalisierung anbieten. Der Megamarkt Gesundheit einschließlich Pflege, Reha und Gesundheitssport wird in den nächsten Jahren zum Wachstumsmotor Nr. 1: Größer als die Automobilindustrie und vor allem personalintensiver.

Gesundheit wird zum neuen Statussymbol und verdrängt die dominante Konsumhaltung im Leben. Infolgedessen wird der Systemcharakter des Gesundheitswesens immer bedeutsamer. Das Gesundheitsministerium wird so wichtig wie das Wirtschaftsministerium, die Charité so wichtig wie VW. Die Entdeckung des Megamarkts Gesundheit hat gerade erst begonnen. Pfleger und Ärzte werden als Helden des Alltags gefeiert. Sie können in Zukunft die neuen Heiligen in Deutschland sein, weil die Gesundheit beinahe Religionscharakter bekommt? Und immer öfter wird die Frage gestellt: Was sind wirklich wertvolle Berufe?

Ein Großteil der Bevölkerung will sich trotz Krise ihre Freude am Leben nicht nehmen lassen. Sie setzt darauf, dass in naher Zukunft alles wieder gut wird. Die „German Angst“ ist von gestern. Und das positive Lebensgefühl siegt über eine vermeintlich „deutsche Depression“. Die Politik wird mehr auf diese Positiv-Potentiale der Bürger setzen, insbesondere bei der Jugend. Die Krise wird zur Chance, wenn die Politik darauf vertraut, dass die Bürger in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern und an der Schaffung einer besseren Gesellschaft mitzuwirken.

Der Autor: Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski gilt international als „Futurist“ (Xinhua/China) und „Mr. Zukunft“ (dpa). Er ist Gründer und Leiter des Hamburger Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (OIZ) und führt regelmäßig Repräsentativumfragen und Studien zur Entwicklung in Deutschland durch. Aktuelles aus seiner Arbeit veröffentlicht er auf seinem Twitter-Account.

zitiert von: https://www.focus.de/wissen/mensch/deutschland-deine-chancen-besser-leben-statt-mehr-haben-bundesbuerger-wollen-nach-der-krise-eine-bessere-gesellschaft-schaffen_id_12020050.html

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