Aktuell

Corona-Gedanken

1. Quarantäne

Diese 3 Sternzeichen sind in der Quarantäne extrem faul
Bild: fizkes / Shutterstock.com. https://www.miss.at/sternzeichen-quarantane-faul/

„Willst du etwas wirklich Schweres erlernen?“, fragte Baukis ihn. „Decke dich mit Vorräten ein. Zwei Wochen sollst du dein Haus nicht verlassen.“

Die ersten Tage waren schrecklich. Notgedrungen holte er sich die Welt in sein Heim, sah Filme und Reportagen und las in dem Buch über Orpheus und Eurydike weiter. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen dieser unproduktiven Muße, die er sich nicht wie gewohnt durch Arbeit verdient hatte. Er könnte Dinge tun, die er bisher vernachlässigt hatte, überlegte er: seine Kochkünste verfeinern, seine rhetorischen Fähigkeiten üben, Gymnastik, meditieren, seine Gedanken aufschreiben. All das begann er, aber da es nicht seine Gewohnheit war, verlor er rasch die Lust dazu.

Seine Unruhe wuchs, er wusste einfach über längere Zeit nichts mit sich alleine anzufangen. Auch wurde er immer müder. Zuerst hatte er ein schlechtes Gewissen, wenn er später aufstand. Ab dem vierten Tag begann er sein langes Schlafen zu genießen. Warum sollte er nicht schlafen, so lange er wollte und zwischen Wachen und Traum seinen Gedanken freien Lauf lassen? Er war frei, er konnte tun, was immer er wollte.

Musik wurde zu seiner liebsten Freundin. Sie begleitete ihn beim Lesen, beim Schreiben und er brauchte sie beim täglichen Zähneputzen. Immer öfter saß er nur da und träumte. Er hatte kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Wie er gerade Lust hatte, tat er etwas oder auch nicht und freute sich über die Ruhe, die ihm zuwuchs. Ab dem neunten Tag erfüllte ihn Leichtigkeit. Statt sich weiter vorzuwerfen, dass sein Tun keinen sozialen Wert hatte, genoss er den Luxus, sein eigener König zu sein.

Als er gerade meinte, auch als Eremit nur mit sich selber glücklich zu sein, weil er sich zunehmend als rund und ganz empfand, wuchs in ihm die Lust, die anderen zu sehen. Am 14. Tag öffnete er seine Wohnungstür. Er suchte die anderen auf, weil ihm an ihnen lag, nicht nur aus Angst vor dem alleine sein. (vergl. Helmut Saiger, Morgen, Freiburg 2018, S. 192ff)

2. Kugelmenschen: Wieder runder werden?

Kugelmenschen (nach Aristophanes) - YouTube
auf youtube hochgeladen von: Drahcir Reldein, 20.05.2019

Dem Mythos zufolge war die menschliche Natur ursprünglich ganz anders. Die Menschen hatten kugelförmige Rümpfe sowie vier Hände und Füße und zwei Gesichter mit je zwei Ohren auf einem Kopf, den ein kreisrunder Hals trug. Die Gesichter blickten in entgegengesetzte Richtungen. Mit ihren acht Gliedmaßen konnten sich die Kugelmenschen schnell fortbewegen, nicht nur aufrecht, sondern auch so wie ein Turner, der ein Rad schlägt. Es gab nicht nur zwei Geschlechter, sondern drei: Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte.

Die Kugelmenschen verfügten über gewaltige Kraft und großen Wagemut. In ihrem Übermut wollten sie sich einen Weg zum Himmel bahnen und die Götter angreifen. Der Himmelsherrscher Zeus beriet mit den anderen Göttern, wie zu verfahren sei. Die Götter wollten das Menschengeschlecht nicht vernichten, denn sie legten Wert auf die Ehrenbezeugungen und Opfer der Menschen. Daher entschied sich Zeus, die Kugelmenschen zu schwächen, indem er jeden von ihnen in zwei Hälften zerschnitt. Diese Hälften sind die heutigen zweibeinigen Menschen. Aus der Sicht des Zeus bestand ein zusätzlicher Vorteil dieser Maßnahme darin, dass sich die Anzahl der Menschen und damit auch der Opfer für die Götter verdoppelte. Für den Fall, dass die Bestraften weiterhin frevelten und keine Ruhe hielten, plante er, sie nochmals zu spalten; dann müssten sie künftig auf einem Bein hüpfen. Der Gott Apollo erhielt den Auftrag, die Gesichter zur Schnittfläche – der heutigen Bauchseite – hin umzudrehen und die Wunden zu schließen, indem er die Haut über die Bäuche zog und am Nabel zusammenband. Am Nabel ließ er Falten zur Erinnerung an die Teilung zurück. Die Geschlechtsteile blieben auf der anderen, früher nach außen gewendeten Seite, der jetzigen Rückenseite.

Die nunmehr zweibeinigen Menschen litten schwer unter der Trennung von ihren anderen Hälften. Sie umschlangen einander in der Hoffnung, zusammenwachsen und so ihre Einheit wiedergewinnen zu können. Da sie sonst nichts mehr unternahmen, begannen sie zu verhungern. Um ihr Aussterben zu verhindern, versetzte Zeus die Geschlechtsorgane nach vorn. Damit ermöglichte er ihnen, durch die sexuelle Begegnung ihr Einheitsbedürfnis vorübergehend zu befriedigen und so die Sehnsucht zeitweilig zu stillen. Zugleich gewannen sie dadurch die Fähigkeit, sich auf die heute praktizierte Weise fortzupflanzen. So wurden sie wieder lebenstauglich. Sie leiden aber weiterhin unter ihrer Unvollständigkeit; jeder sucht die verlorene andere Hälfte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelmenschen)

3. Runder werden im alleine sein

Karl Lagerfeld: Ich muss alleine sein | GALA.de
https://www.gala.de/beauty-fashion/fashionfeed/karl-lagerfeld–ich-muss-alleine-sein-20180770.html

Es gibt zwei Wege, wieder mehr zu einem „Kugelmenschen“ zu werden: Sich selbst zu erweitern, selbst runder werden, und/oder die Ergänzung durch die anderen zu suchen. Wie kann man selbst mehr zu einem Kugelmenschen werden?

Sich selbst schätzen und mehr lieben. Seine Fähigkeiten und Interessen erweitern, z.B. kochen, schreiben, malen, tanzen, Sport, werkeln …; seine Robustheit/Resilienz, Toleranz, Flexibilität … üben. In seinen Bedürfnissen und Wünschen, Werten und Aktivitäten unabhängiger von anderen zu werden.

Dabei gilt es einiges zu berücksichtigen, damit mehr Rundheit entsteht: (1) Sich fragen, was könnte mich noch interessieren, mir Freude bereiten? Wo liegen noch meine Stärken? (2) Besonders solche Fähigkeiten üben, die Ergänzung zu vorhandenen sind: Ist man eher ein „Schreibtischtäter“, mehr Berücksichtigung von Sport. Ist man eher vernünftig und von effizienter Natur, sich mehr Genießen und „Unvernunft“ leisten. (3) In seinen Werten und Einstellungen Konkurrierende trainieren, die sogar im Widerspruch zu den vorhandenen stehen, damit man widersprüchliche Situationen besser meistern kann. Denkt man z.B. in erster Linie an nützlich für andere zu sein, an sich selbst denken üben, sein eigenes Glück trainieren. So kann man beides: an andere denken und an sich selbst. Neues sich anzueignen, fällt allerdings schwer. Der Philosoph Friedrich Nietzsche:“Auch der Klügste nimmt seine Gewohnheit wichtiger als seinen Vorteil.“ Aber ohne es, kann man nicht runder werden.

Mit sich selber mehr alleine sein zu können und es zu genießen, mehr das üben, was man selber gerne tut, die Breite seines Fähigkeitsspektrum um Ergänzendes und Konkurrierendes zu erweitern, das macht runder und unabhängiger.

4. Runder werden im Zusammensein

Jugendliche liegen im Kreis
https://www.lutherkirche-bonn.de/mobile/2017-602-Jugendhaus_Angebote_2017.php

Man kann zwar unabhängiger werden vom Kontakt mit anderen, aber völlig autonom kann keiner. Selbst der Einsiedler braucht das Gespräch mit Gott und/oder der Natur. Es gibt „Güter“, die man nur im Zusammensein mit anderen erreichen und genießen kann, z.B. Liebe, gemeinsam mit anderen etwas schaffen und erreichen, Robustheit/Resilienz bei Konflikten. Aber: Mit sich selber alleine sein können, autonomer vom Urteil anderer, macht freier im Kontakt mit anderen.

Gesellschaft ist an (innerer und äußerer) Abhängigkeit ihrer Bürger von ihren Arbeits-, Konsum- und Werteangeboten interessiert. Das muss sie ja, da sie von Arbeitsteilung, Kooperation, Solidarität, einer gewissen gemeinsamen Werteorientierung ihrer Bürger lebt. Deshalb bringt sie Menschen, die ihre Rundheit aus sich selbst schöpfen, Mißtrauen entgegen. Es passt in das Bild, dass man alleine sein meistens mit negativem einsam sein verbindet.

5. Renaissance der Hauswirtschaften?

Ob Feiern, Club, Fußballspiele, plötzlich sind Mitfeiernde auch Corona-Gefahrenquelle. Es werden deshalb die Vorzüge der eigenen Hauswirtschaft und der eigenen Selbstversorgung proklamiert, z.B. Kochen statt to go, Spiele, Homeschooling … . Aber das ist ungewohnt. Gewohnt sind öffentliche und marktliche Versorgung, (Ganztages-) Kitas und Schulen, Shopping, Kino, Essen gehen … Kein Wunder, dass in Familien durch das „Aufeinander-Hocken“ in der eigenen Wohnung Stress entsteht. Man ist einfach nicht mehr an längeres tägliches Zusammensein mit Partner und Kindern und Eigenleistung gewohnt. Vielleicht wird sich ein neues Gleichgewicht einspielen zwischen marktlicher und öffentlicher Versorgung und Eigenleistung im eigenen Haushalt.

6. Der Mensch als Schöpfergeschöpf? Schöpfer oder Geschöpf?

Der Mensch als Schöpfergeschöpf - Gegen Zukunftsangst - Helmut Saiger
Pont du Gard, röm. Aquädukt

Ein Scheiß-Corona-Virus, Wirtschaft und unbekümmertes Zusammensein gehen in die Knie. Jetzt und nicht in (naher) Zukunft wie Umweltkrise aus Erderwärmung. Aber, was Corona auch lehrt: Die einzige Hoffnung besteht in neuen Medikamenten und Impfstoff. Also in der Eigenschaft des Menschen als Schöpferwesen. Bei der Corona-Krise liegt die Betonung auf dem Menschen als kreativer Schöpfer. Bei der Umwelt-Krise in der Betonung auf den Menschen als Geschöpf, das heißt in Anpassung an die Natur. Wir sind beides: Schöpfer (Fantasie-was ist vorstellbar? Träume-was wäre schön? Werte-was soll sein? Verstand-wie könnte es funktionieren?) und Geschöpf, abhängig wie alle Lebewesen von Umweltbedingungen, die wir gewaltig zerstören, aber auch gewaltig heilen können als Mitschöpfer.

7. Zukunft

Corona macht es überdeutlich: Home Office, Homeschooling, WhatsApp/Skype, Lieferplattformen, e-Spiele …, die Zukunft ist digital.

Androide, also Roboter mit (fast) menschlichem Aussehen und Gebaren, als nicht biologische Wesen auch nicht von Corona-Virus bedroht, werden sie in Zukunft zu einem zunehmenden Teil der Gesellschaft werden? Beispielsweise als Masseur*in, als Sex-Partner*in, als Reiseführer*in, als Lehrer*in, als Altenpfleger*in?

8. Expertokratie

Eine Person wird vorgeschlagen.
https://www.bundestag.de/leichte_sprache/was_macht_der_bundestag/wahl

Besonders in Krisenzeiten sehnen sich manche Menschen nach Führer*in. Beispielsweise bei Kirche (alles ist eine Frage der Moral), Militär (alles ist eine Frage der Disziplin), Ideologie (alles ist ein Frage der einzigen gesellschaftlichen Wahrheit). Seit Kirche, Militär, Ideologien an Strahlkraft verloren haben, suchen manche die Lösung aller Probleme bei (wissenschaftlichen) Experten. In Corona-Krise bei Virologen und Epidemiologen.

Man sollte dabei aber nicht vergessen: Experten kommen aus einer Fachdisziplin. Sie beschäftigen sich also nur mit einem Teilaspekt des Lebens, z.B. der wirtschaftlichen oder der biologischen Seite. Ihre einzelnen Modelle bilden wiederum nur einen Teil ihrer Fachdisziplin ab. Insofern können Experten nur Teilantworten geben. Sie beruhen auf (vorläufig gültigen) Thesen und Modellen.

Eine gewisse Übereinstimmung zwischen den eindimensionalen Modellen einer Fachdisziplin und der vieldimensionalen, komplexen Realität entsteht immer dann, wenn Realität selbst anscheinend eindimensional wird, weil einzelne Größen zu beherrschenden werden, typisch für eine Krise. Entsprechend sind bei einer Wirtschaftskrise eben Ökonomen gefragt und bei einer Virus-Krise Virologen.

Wenn ein Ereignis neu und ungewohnt ist, liegt wenig oder kein gesellschaftliches Wissen vor, sonst wäre es ja nicht neu. Es liegt deshalb nahe, in dieser ungewohnten und neuen Situation auf die zu hören, die sich „hauptberuflich“ mit den Ursachen des Ereignis beschäftigen. Dass man (vorübergehend) in erster Linie auf Virologen und Epidemiologen gehört hat, hat sich als positiv erwiesen.

Aber zum Schluß müssen immer politische und gesellschaftliche Entscheider entscheiden. Denn die Tausenden von Variablen, die das komplexe Leben ja ausmachen, bestehen weiterhin, z.B. bei Arbeitsplatz und Einkommen, Schule und Bildung. Man kann sie auf Dauer nicht vernachlässigen, selbst, wenn Corona-Gefahr weiter besteht. Man kann nur neue Wege suchen, die Corona-Gefahr bei der Gestaltung des (gesellschaftlichen) Lebens berücksichtigen, z.B. Social Distancing.

Falsch wäre es dagegen, Experten zu neuen Führern zu erklären, z.B. in Form einer Expertokratie, und von ihnen die bessere Lösungen bei der Bewältigung des Lebens zu erwarten, wie früher beispielsweise von Kirche oder Militär. Dazu haben ich einen tollen Artikel gelesen, den ich nachfolgend zitiere:

Die neue Sehnsucht nach der Expertokratie

Von Arnd Pollmann

Der Philosoph Arnd Pollmann findet, die wachsende Sehnsucht nach einer wissenschaftlichen Expertokratie, die uns politische Entscheidungen abnehme, zeuge von „demokratischer Unreife“. (Imago / Ikon Images / John Holcroft)

In der Coronakrise wächst das Vertrauen in die Wissenschaft. 80 Prozent der Deutschen meinen, die Politik solle sich an ihr ausrichten. Sind die Hoffnungen auf eine Herrschaft der Zahlen berechtigt? Der Sozialphilosoph Arnd Pollmann hat Zweifel.

Bereits in der Klimadebatte gab es diesen Trend: Im Angesicht der kollektiven Gefahr erweist sich die Wissenschaft als Krisengewinnlerin. Drei von vier der im aktuellen Wissenschaftsbarometer befragten Personen bestätigen, dass sie auf die Forschung vertrauen. Im letzten Jahr war es nicht einmal jede Zweite.

Zudem begrüßen zwei von drei der Interviewten die öffentliche Kontroverse um widerstreitende virologische Ansichten. Offenbar sind diese beiden Befunde eng verknüpft: Das Vertrauen in die Wissenschaft wächst, eben weil sich die Drostens und Streecks dieser Republik derzeit so erfrischend widersprechen; und zwar jeweils auch sich selbst. Sollen sich die Wissenschaften über diese steigenden Beliebtheitswerte freuen?

Wissenschaft: Der falsche Singular

Ich selbst muss zugeben, dass ich mich als Philosoph von dieser Euphorie nicht mitumarmt fühle. Unendlich viele Kolleginnen und Kollegen aus verschiedensten anderen Fachdisziplinen sind in diesen Befund ebenfalls nicht eingeschlossen – und in der aktuellen Krise ja auch nicht gefragt. Auf Expertisen des Verfassungsrechts, der Demokratietheorie, der Ökonomie, Soziologie, Psychologie oder Psychiatrie wird derzeit gern verzichtet.

Und wer würde behaupten, dass auch das Vertrauen in die frühkindliche Pädagogik oder die Gendertheorie gestärkt wäre? Rasch wird als epidemiologisch suspekt oder gar als intellektuell infektiös behandelt, wer aus Sicht einer Nicht-Naturwissenschaft die normative Kraft des faktischen Shutdowns in Frage stellt. Das erste Problem ist also: Die gängige Rede von „der“ Wissenschaft im Singular ist völlig irreführend.

Arnd Pollmann schaut freundlich in die Kamera. (privat)Arnd Pollmann, Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin (privat)

Damit hängt unmittelbar das zweite Problem zusammen: Viele Menschen teilen ein „szientistisch“ verkürztes Wissenschaftsverständnis. Der Szientismus behauptet, die gesamte Welt müsse strikt nach dem Vorbild „harter“ Naturwissenschaften erforscht werden. Alle anderen Welterklärungen, die nicht in Zahlenkolonnen denken, gelten als unwissenschaftlich. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sagte jüngst: „Virologen haben keine Meinung, die haben Fakten“.

So wird im Umkehrschluss der gesamte Rest der Wissenschaften zu einer Art Meinungsjournalismus degradiert. Was aber, wenn plötzlich eine Evolutionsbiologin behauptete, der Zweck des Virus sei es, die Gesellschaft von ihren schwächsten Elementen zu befreien? Ist das dann ein naturwissenschaftliches Faktum oder eben doch nur eine Meinung?

Angstimpulse: Aus den Naturwissenschaften

Das dritte Problem betrifft die epidemische Unruhe der letzten Wochen: Während die Wissenschaften früher eher Garanten der Besonnenheit waren – im Gegensatz etwa zu Verschwörungstheorien – konnte man schon während der Klimadebatte das Gefühl haben, dass die heftigsten Angstimpulse derzeit direkt aus den Wissenschaften kommen.

Man denke hier nur an die frühe Ankündigung der virologisch nicht immer gut beratenen Kanzlerin, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung anstecken werden. Mit einem tödlichen Virus? Ich dachte immer, die Virologie solle so etwas verhindern! War das ein notwendiges Wachrütteln oder eher doch pandemische Panikmache? Im Effekt jedenfalls schlägt die wissenschaftliche Versicherung so in unwissenschaftliche Verunsicherung um; wobei die notorische Uneinigkeit der Virologen in fast jeder Sachfrage ihr Übriges dazu beiträgt.

Gefahr: Quasi-religiöse Heilserwartungen

Was derzeit aber vor allem aufstößt, ist viertens die verkappte Heilserwartung, die der Virologie entgegenströmt. Man erhofft sich nicht bloß nacktes Überleben, sondern Auswege aus Angst und Kontingenz. Selbst wenn das bedeutet, wochenlang das Haus nicht zu verlassen. Wenn die aktuelle Wissenschaftsgläubigkeit vor allem in diese Richtung weist, so ist sie Ausdruck eines tiefen Missverständnisses: Anders als Religionen liefern die Wissenschaften keine Lösungen für praktische Alltagsprobleme.

Sicher, die Wissenschaften sollen Informationen für praxisrelevante Entscheidungen bereithalten, sonst würde man sie nicht öffentlich alimentieren. Sie selbst aber lösen immer nur theoretische Probleme. Die Krümmung einer revolutionär neuen Linse etwa muss wissenschaftlich errechnet werden, aber praktikabel wird sie erst durch den, der sie schleift. Die Lösung und Entscheidung politischer Probleme wiederum obliegt dem Demos. Deshalb zeugt die wachsende Sehnsucht nach einer wissenschaftlichen Expertokratie, die uns diese Entscheidungen abnimmt, eher von demokratischer Unreife.

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Professor für Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Mitherausgeber des philosophischen Online-Magazins Slippery Slopes.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/naturwissenschaft-in-der-coronakrise-die-neue-sehnsucht.2162.de.html?dram:article_id=476289

9. Zukunft nach Corona?

3D-Computergrafik, geradliniger Strassenabschnitt als Symbol fuer den Weg zum definiertem Ziel mit Aufschrift ZUKUNFT 3D computer graphic, straight highway section representing a path to a defined goal lettering ZUKUNFT (Future) BLWS501258 Copyright: xblickwinkel/McPHOTO/M.xGannx (imago stock&people)
Auf dem Weg in die Zukunft (imago stock&people)

Wird „Welt“ eine andere werden aufgrund der Corona-Krise? Einige geschichtliche Erfahrungen:

Die Antoninische Pest war eine Pandemie, die in den Jahren von 165 bis 180 n. Chr. nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reichs herrschte. Freigelassene Sklaven und Bewohner anderer Völker mussten die Lücke füllen, die an der Seuche verstorbene Soldaten und Römer hinterlassen haben. In weitgehend entsiedelten Gebieten wurden zuvor unterdrückte Stämme angesiedelt. Die von Pandemie verursachte Schwächung des römischen Reiches beschleunigte seinen Untergang.

Als Schwarzer Tod wird eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte bezeichnet, die in Europa zwischen 1346 und 1353 geschätzte 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen Bevölkerung – forderte. Eine funktionierende Wirtschaft konnte unter dem Eindruck der Pandemie nicht mehr aufrechterhalten werden. Arbeitskräfte starben, flohen und nahmen ihre Aufgaben nicht mehr wahr. Vielen schien es sinnlos, die Felder zu bestellen, wenn der Tod sie doch bald ereilen würde. Die Generationen konnten nach 1348 nicht einfach die sozialen und kulturellen Muster des 13. Jahrhunderts beibehalten. Der massive Bevölkerungseinbruch bewirkte eine Umstrukturierung der Gesellschaft. 

Vulkanausbrüche auf Island zwischen 1783 und 1785 brachten kalte Sommer, Missernten und Hungersnöte. Sie haben möglicherweise, so vermuten Umwelthistoriker, 1789 die französische Revolution (mit)verursacht. Naturkatastrophen und Pandemien haben also Geschichte umgeschrieben. So wie Kriege, herrschende Ungerechtigkeit und Not. Wie sollte es auch anders sein. Aber nicht nur negativ. Aus dem Niedergang des römischen Reiches schufen „Barbaren“ eine europäische Kultur. Die Pest im Mittelalter läutete mit die Neuzeit ein. Islands Vulkanausbrüche mit die französische Revolution und Aufklärung. Wir können also festhalten: Pandemien und Naturkatastrophen änderten Kultur und die Herrschaft von Völkern.

Die vorherrschenden Gene der Menschen können sich epigenetisch durch Aktivierung/Abschaltung bei tiefgreifenden persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen generationenübergreifend zudem verändern. Beispielsweise besteht die Vermutung, dass die Pest im Mittelalter oder die mehrfache Geldentwertung in Deutschland das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung auch bei nachfolgenden Generationen verändert haben. Neuere Beispiele: der 11. September oder Tschernobyl.

Niemand kann in die Zukunft sehen. Aber man kann aus Geschichte ähnliche Muster erkennen, z.B. die Suche nach Schuldigen (Verschwörungstheorien), das Bemühen den status „ex ante“ wieder herzustellen (Beruf, Konsum, Wirtschaftswachstum, öffentliche Dienste), die (dialektische) Betonung von Wegen, die man vernachlässigt hat (mehr Autonomie, weniger Globalisierung) … .

Vergangene Katastrophen (Pandemien, Kriege, Vulkanausbrüche …) wirkten besonders dann als Katalysator, wenn schon vorher Veränderungs-Ideen zu einer „besseren“ Zukunft angelegt waren (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Aufklärung, Demokratie …). Nach der spanischen Grippe (1918-1920),die mehr Todesopfer forderte als der erste Weltkrieg, konnten sich damalige Zukunfts-Ideen gegenüber Restauration nicht durchsetzen. Es entstand ein „Tanz auf dem Vulkan“ in den 20iger Jahre des vorigen Jahrhundert, der mit Hitler endete. Auch heute sind neue „Führer“ unterwegs. Weil wir zu wenig neue positive Zukunft-Ideen/Vorstellungen haben, die privat und gesellschaftlich „von Hocker reißen“? Was sind unsere Fantasie, unsere Träume und Werte?

10. Eine Zukunftsversion von dem Zukunftsforscher Horst Opaschowski:

Horst Opaschowski/Benjamin Roebe

Corona-Generation verändert Welt – Forscher erklärt neue Glücksformel

FOCUS-Online, Dienstag, 26.05.2020, 08:33

Zukunftsforscher Horst Opaschowski ist überzeugt, dass sich in Deutschland nach der Krise ein neues, intensives Gemeinschaftsgefühl entwickeln wird. Mehr Zusammenhalt ist laut ihm das „Krisen-Credo 2020“: Das Verlangen nach gesundheitlichem Wohlergehen wird das nach materiellem Wohlstand künftig ablösen.

Zur Jahrtausendwende dominierte in der gesamten westlichen Welt das Millenniumsfieber. Es war der Höhepunkt einer Spaß-, Single- und Wohlstandsgesellschaft. Die internationale Sozialforschung sprach seinerzeit vom „bowling-alone“-Phänomen: Jeder schob seine Kugel allein. Neun Monate vor dem „11. September“ 2001 triumphierte auch in Deutschland der Individualismus. Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) der deutschen Bevölkerung war im Januar 2001 an einer „besseren Gesellschaft“ interessiert.

Zwei Jahrzehnte später: Ein geradezu explosiver Anstieg des Gemeinschaftsgedankens ist bei den Bundesbürgern feststellbar. Jetzt heißt es plötzlich: Wir sitzen doch alle in einem Boot; und für Egoisten ist kein Platz mehr. Der Anteil der Deutschen, der „mithelfen will, eine bessere Gesellschaft zu schaffen“, hat sich von 31 auf 83 Prozent mehr als verdoppelt, wie eine O.I.Z Repräsentativumfrage 2020 nachweist.

Die Angst vor einem Zerfall der Gesellschaft ist groß. In andauernden Krisenzeiten sehnen sich immer mehr Menschen nach einer besseren Welt, die sie der nächsten Generation hinterlassen wollen. Vor allem junge Familien machen sich mit einem Zustimmungsanteil von 92 Prozent für eine neue Mitmach- und Selbsthilfegesellschaft besonders stark. Mit diesem hohen Zustimmungsgrad ist zugleich die Sinnfrage verbunden: Wissen, wofür man lebt!

Krisen-Credo: Zusammenhalten statt Auseinanderdriften

Das Krisen-Credo 2020 lautet: Wir müssen mehr zusammenhalten – in Familie und Freundeskreis, in Nachbarschaft und Gemeinwesen. Aus Bürgersinn soll Gemeinsinn werden. Die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins während der Corona-Krise hat die Eigenverantwortung der Bürger gestärkt und zugleich das Verständnis von Solidarität verändert, weil die soziale Infrastruktur von der Kinder- bis zur Altenbetreuung als immer lückenhafter empfunden wurde. Über alle Generationen hinweg wird Solidarität jetzt auch als Eigenvorsorge verstanden: Für sich selbst sorgen können, um anderen nicht zur Last zu fallen.

Krisenerfahrung: Was macht ein Mensch ohne Familie?

Nach einer Ära bindungsfreier Singles und kinderloser Karrieristen stellt sich in der Krise immer öfter die Frage: Was macht ein Mensch ohne Familie? Eine Renaissance der Familie, ja eine neue Lust auf Familie steht unmittelbar bevor. Über die Verbindlichkeit sozialer Beziehungen wird neu nachgedacht. Gut zwei Drittel der Bundesbürger halten im Jahr 2020 die „Ehe mit Trauschein und Kindern“ für das „erstrebenswerteste Lebensmodell“ (Frauen: 69% – Männer: 65%) – immer unter der Voraussetzung, dass man sich eine Familiengründung auch leisten kann – materiell, mental und sozial.

Das Single-Dasein hat immer zwei Gesichter. Die einen leben allein, weil sie es wollen, die anderen, weil sie es müssen – auch ein Grund, warum Einsamkeit in Zukunft ein Regierungsthema werden kann. Nach dem gemeinsam mit dem Ipsos Institut entwickelten Nationalen Wohlstandsindex für Deutschland (NAWI-D) macht Eigentum wie Haus, Wohnung und Auto jeden zweiten Bundesbürger glücklich. Aber viel wichtiger für das persönliche Wohlergehen erweist sich der Beziehungsreichtum in der eigenen Familie.Als Generationengemeinschaft mit starken Bindungen gibt sie Sicherheit im Leben und wirkt wie eine beständige Wertanlage. Ihre Rendite heißt Lebenserfüllung. Der familiäre Zusammenhalt trägt zur Gewinnmaximierung des persönlichen Lebens bei.

Wohlstand weiter denken: Besser leben statt viel haben

In sozial und ökonomisch unsicheren Zeiten stößt das Immer-Mehr auch an seine psychologischen Grenzen. Die Menschen denken neu über Wohlstand nach: Sie gleichen materielle Wohlstandsdefizite durch Lebensqualitäten in anderen Bereichen aus. Die Krise stimmt die Menschen nachdenklicher. Die Deutschen demonstrieren Besonnenheit und nennen als individuelles Lebensziel: Besser leben statt mehr haben.

Der Verbrauchermarkt steht vor großen Herausforderungen. Er muss sich mehr mit dem Wandel von der Ökonomie des Wohlstands zur Psychologie des Wohlergehens auseinandersetzen. Die Beachtung der subjektiven Wahrnehmung wird wichtiger. Objektiv wird es nach der Krise zwar als Nachholeffekt einen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Subjektiv aber kommt wenig bei den Verbrauchern an. Immer mehr Verbraucher halten ihr Geld zusammen, sorgen für eiserne Reserven und sparen für die eigene Zukunft. Ein neues Zeitalter der Sparmaßnahmen beginnt. Die Sehnsucht nach einem schöneren Leben bleibt erhalten, ihre Verwirklichung muss man sich auf Dauer aber auch leisten können. Eine entsprechende Kaufzurückhaltung der Konsumenten ist zu erwarten.

Die Post-Corona-Generation wird auf Dauer nicht mehr so weiterleben wie ihre Elterngeneration. Der Perspektivenwechsel vom Wohlstand zum Wohlergehen macht die Konsumfrage zur Sinnfrage: Fragwürdig wird der Konsumdreiklang von Shopping/Kino/Essengehen, in weite Ferne rücken weite Reisen und auch lebensstandardsichernde Renten sind nicht mehr sicher. Mit dem Bedeutungsverlust der dominanten Konsumorientierung des Lebens kommt es zu einer Verschiebung der Lebensprioritäten: Gut leben statt viel haben, vorsorglich sparen statt verschwenderisch mit Geld umgehen und den neuen Zeitwohlstand und Beziehungsreichtum genießen.

Die Glücksformel in Bertolt Brechts Dreigroschenoper – „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“ – wird erweitert und neu bewertet. Wohlstand wird zu einer Frage des persönlichen und sozialen Wohlergehens. Wohlstand kann auch bedeuten, weniger Güter zu besitzen und doch besser zu leben.

Gesundheit so wertvoll wie Geld: Charité so wichtig wie VW?

Die Krise auf den Punkt gebracht: Ohne Gesundheit ist fast alles nichts wert. Die Gesundheit wird zum Megamarkt der Zukunft. Es boomen Bio- und Gentechnologien, Pharmaforschung und Forschungsindustrien gegen Krebs, Alzheimer und Epidemien sowie gesundheitsnahe Branchen, die Care, Vitalität und Revitalisierung anbieten. Der Megamarkt Gesundheit einschließlich Pflege, Reha und Gesundheitssport wird in den nächsten Jahren zum Wachstumsmotor Nr. 1: Größer als die Automobilindustrie und vor allem personalintensiver.

Gesundheit wird zum neuen Statussymbol und verdrängt die dominante Konsumhaltung im Leben. Infolgedessen wird der Systemcharakter des Gesundheitswesens immer bedeutsamer. Das Gesundheitsministerium wird so wichtig wie das Wirtschaftsministerium, die Charité so wichtig wie VW. Die Entdeckung des Megamarkts Gesundheit hat gerade erst begonnen. Pfleger und Ärzte werden als Helden des Alltags gefeiert. Sie können in Zukunft die neuen Heiligen in Deutschland sein, weil die Gesundheit beinahe Religionscharakter bekommt? Und immer öfter wird die Frage gestellt: Was sind wirklich wertvolle Berufe?

Ein Großteil der Bevölkerung will sich trotz Krise ihre Freude am Leben nicht nehmen lassen. Sie setzt darauf, dass in naher Zukunft alles wieder gut wird. Die „German Angst“ ist von gestern. Und das positive Lebensgefühl siegt über eine vermeintlich „deutsche Depression“. Die Politik wird mehr auf diese Positiv-Potentiale der Bürger setzen, insbesondere bei der Jugend. Die Krise wird zur Chance, wenn die Politik darauf vertraut, dass die Bürger in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern und an der Schaffung einer besseren Gesellschaft mitzuwirken.

Der Autor: Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski gilt international als „Futurist“ (Xinhua/China) und „Mr. Zukunft“ (dpa). Er ist Gründer und Leiter des Hamburger Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (OIZ) und führt regelmäßig Repräsentativumfragen und Studien zur Entwicklung in Deutschland durch. Aktuelles aus seiner Arbeit veröffentlicht er auf seinem Twitter-Account.

zitiert von: https://www.focus.de/wissen/mensch/deutschland-deine-chancen-besser-leben-statt-mehr-haben-bundesbuerger-wollen-nach-der-krise-eine-bessere-gesellschaft-schaffen_id_12020050.html