Helmut  Saiger: Wenn es um Zukunft geht ...

Zusammenhalt: Die Balance zwischen "Ich" und "Wir"

Praktisch alle Parteien führen neuerdings das Wort „Zusammenhalt“ in ihren Programmen. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron ermahnte: „Fraternité ist es, was uns zusammenhält“. Ähnlich Bundeskanzlerin Angelika Merkel, die in ihrer Neujahrsansprache 2015 mehr Zusammenhalt forderte.

 

Was heißt Zusammenhalt?

 

Verbundenheit: Inwieweit identifizieren sich die Bürger mit ihrem Gemeinwesen? Inwieweit vertrauen sie seinen Institutionen? Inwieweit sehen sie die Verteilung der Güter als gerecht an und fühlen sich gerecht behandelt?

 

Soziale Beziehungen: Inwieweit verfügen die Bürger über soziale Netze? Inwieweit akzeptieren sie andere Werte und Lebensweisen ihrer Mitmenschen?

 

Gemeinwohlorientierung: Inwieweit herrschen Solidarität und Hilfsbereitschaft? Halten sich die Bürger an grundlegende soziale Regeln? Inwieweit nehmen Bürger am gesellschaftlichen und politischen Leben teil?

 

Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann - Stiftung, aus der obige Differenzierung stammt: relativ gut bestellt ist es in Deutschland mit der Akzeptanz anderer Wertvorstellungen und Lebensweisen. Eher schlecht bestellt mit dem Gerechtigkeitsempfinden. (Unzicker, 2017).

 

Indizien für einen geringer werdenden gesellschaftlichen Zusammenhalt: Rückzug in die Privatsphäre, Egoismus, wachsende Segmentierung der Gesellschaft. Gesellschaftliche Gruppen wollen nichts mehr miteinander zu tun haben. Auf der Suche nach mehr Gemeinsamkeit rücken einzelne Gruppen enger aneinander und halten zugleich die anderen umso mehr auf Distanz. (Fernsebner-Kokert & Osztovics, 2018). Misstrauen gegenüber Staat, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Medien. Das Aufkommen von extremistischen Gruppen, die neuen Zusammenhalt mit ihren jeweiligen Werten versprechen.

Soziale Medien wie Facebook oder Twitter begünstigen „digitale“ Stämme, Echokammern, in der sich Gleichgesinnte sich bestätigen und sich gegenüber anderen (feindlich) abgrenzen.

Werte-Unvereinbarkeit zwischen den „Somewheres“, bodenständig, traditionellen Werten verpflichtet, weniger gebildet, regional, völkisch (America first) und den „Anywheres“, urban, beruflich erfolgreich, Zuwanderer und Minderheiten als Quelle neuer Chancen begreifend (Diese Unterscheidung von britischen Autor David Goodhart).

 

Der Politikwissenschaftler Edgar Grande bringt es auf den Punkt: „Es fehlt an brückenbildendem, integrativem, sozialem Kapital“ (Scherer, 2018).

 

In Krisenzeiten ist Zusammenhalt eher ein geringes Problem. Da rücken Menschen zusammen. In wirtschaftlichen Wohlfahrtszeiten verfolgen Individuen eher ihr persönliches Glück. Nachdem man individuelles Glück ausgeschöpft hat, man bei allen Möglichkeiten der Selbstoptimierung und der Selbstverwirklichung gelernt hat, dass man die anderen doch irgendwie für sein Glück braucht, nimmt das Bedürfnis nach sozialen Gütern wieder zu.

 

Eine pluralistische Gesellschaft hat es definitionsgemäß mit unterschiedlich denkenden Gruppen zu tun. Aber sie wird gefährdet, wenn diese so stark auseinanderdriften, dass die gemeinsame Wertebasis gefährdet wird und sich jeder nur seine Bestätigung bei Gleichgesinnten und virtuellen „Echokammern“ sucht und es keine brückenbildende Instanzen mehr gibt, seien dies Vereine oder Parteien oder ein soziales Jahr oder sonstige Begegnungen mit verschieden Denkenden und Handelnden. Gespräche, Dialog und persönliche Begegnungen mit Andersdenkenden sind die Voraussetzung, dass man sie als Menschen wahrnimmt, oft mit der Überraschung, dass das Verbindende größer ist als das Trennende. Gibt es solche Gesicht-zu-Gesicht-Begegnungen nicht, so ordnet man andere eher als „Feinde“ ein, mit denen man nichts zu tun haben will aus Angst vor dem Unbekannten.

 

Ohne Gerechtigkeit, ohne Miteinander, ohne ein Gefühl kultureller Identität, die auch gegenüber anderen kulturellen Identitäten abgrenzt, und ihre eigenen Werte verteidigt, kann eine Gesellschaft nicht auf Dauer gelingen. Ohne Vielfalt der Individuen, die durch ihre unterschiedlichen Werte und Lebensstile einer Gesellschaft ergänzende Optionen ermöglichen und ohne Offenheit zu anderen Kulturen und Austausch mit ihnen auch nicht.

 

So wie Egoismus und Segmentierung eine Gesellschaft zerstören können, so kann sie aber auch die Forderung nach unbedingtem Zusammenhalt und zur Unterwerfung unter gemeinsame Werte zerstören. Dann herrscht Unfreiheit.

 

Eine Kontaktgesellschaft gelingt, wenn sie zwischen der Gemeinschaft und der Individualität ihrer Mitglieder, zwischen gemeinsamen und unterschiedlichen Werten, zwischen dem „Ich“ und „Wir“ eine Balance findet.