Selbstoptimierung – macht sie unglücklich?

Es ist wie eine Seuche: 10.000 Schritte mindestens am Tag, eine App zählt sie unerbittlich. Stimmt die Ausgewogenheit von Kalorien, Vitaminen, Minerale und Ballaststoffen? Entwickelt sich mein sechs Monate altes Baby so, wie es gemäß Google-Infos normal ist?

Immer neue Apps und Ratgeber-Bücher, wie man noch gesünder und fitter und erfolgreicher und glücklicher leben kann.

Paul macht Sex. Dabei schaut er nicht seine Partnerin an, er schaut dauernd auf sein Handgelenk. Geil, schon wieder 50 Kalorien verbrannt. Gratulation, signalisiert ihm seine neue Computer-Uhr. In der Mittagspause ist er schon 3000 Schritte gelaufen. Gute Bilanz heute. Von 2500 Kilo-Kalorien ist er jetzt schon bei 2300 angekommen, 2000 ist sein Ziel. Jeden Tag misst seine Smart-Watch seinen Blutdruck und verfolgt seinen Biorhythmus, zählt seine Schritte. Fast minütlich schaut Paul auf seine Watch oder sein Smartphone. Er ist zum Selbstoptimierer geworden.

Immer schon gab es Bestrebungen, die Optimieren und Maximieren zum Inhalt hatten. Ging es früher aber um einzelne Gebiete im Leben, z.B. sich optimal auf eine Bewerbung vorzubereiten, so ist jetzt der ganze Alltag das Ziel. Kinder sollen gleichzeitig tolle Klavierspieler sein, in der Schule Supernoten haben und Sport sowieso. Man will im Beruf die bestmögliche Karriere machen und gleichzeitig idealer Partner, Eltern und Freund sein und am liebsten alle Benchmarks, die irgendwelche Experten aufgestellt haben, übertreffen. Schaut man sich die vielen Apps zur Selbstoptimierung an, sie umfassen immer mehr, Koch- und Ernährungsverhalten, Sport und Fitness, Lernverbesserung, Zeit- und Geldökonomie, Zahl der Freunde und Likes in sozialen Netzwerken.

Der Begriff Selbstoptimierung stammt aus der Biologie, der Fähigkeit des Nervensystems durch Rückkoppelung eine bestmögliche Funktion zu erzielen. Hat das Selbst auch eine bestmögliche Funktion? Das steckt ja, neben dem Wettbewerb mit den anderen um das bessere Gelingen, hinter dem Gedanken der Selbstoptimierung. Die menschliche Fantasie und die menschlichen Träume sind aber grenzenlos. Immer mehr Wissen, mehr Können, mehr Arbeit am eigenen Körper, immer eine noch bessere Gestaltung sozialer Beziehungen und seiner Persönlichkeit, immer noch tiefer in sich hineinzuschauen, um noch mehr aus sich herauszuholen, ist daher ein grenzenloses Unterfangen. Es gibt immer noch eine Möglichkeit, sich zu verbessern. Zum Schluss verselbständigt sich das Ziel, wird vom Mittel zum Zweck selbst zum Ziel.

Warum ist Selbstoptimierung so „in“? Ich denke, es gibt mindestens zwei Gründe: (1) der Glaube an Experten. Ihre Erkenntnisse, beispielsweise wie eine optimale Ernährung aussieht oder was eine optimale Partnerschaft ausmacht, wird praktisch als „Gottesbotschaft“ nicht weiter hinterfragt. Experten und App-Programmierer aus Silicon Valley, sind sie die neuen Glücks-Bringer? (2) Weil es für viele keine höheren Ziele und Sinns mehr gibt, wird Selbstoptimierung um ihrer selbst willen betrieben. Essen, Sport und Gesundheit sind zur Ersatzreligion geworden, wie der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens schreibt.

 Aber ist die menschliche Natur auf Optimierung und Maximierung angelegt? Der Neurowissenschaftler Damasio: „Die menschliche Natur strebt nicht ein Optimum oder gar ein Maximum an, sondern ein Gleichgewicht. Ist der Regler im Gleichgewicht, interessieren weitere Chancen an Glück eher nicht mehr. Man kann nicht gesünder werden als gesund. Versucht man es dennoch, wird man eher krank.“

Natur will Überleben und gut Leben ihrer Geschöpfe sichern. Das wäre aber nicht gewährleistet, wenn sie ein Optimum oder gar Maximum an Lebensbedingungen voraussetzen würde. Wer dauernd das Optimum oder gar das Maximum für sein Glück braucht, der verengt seinen Chancenraum. Das sieht man oft bei der Partnersuche: Kaum einer genügt dem Optimum. Selbstoptimierer hechten von Ziel zu Ziel und erweitern dabei ihre Ansprüche an sich und andere. Ist daraus mehr Glück oder Zufriedenheit entstanden?

Nie gab es so viel Burnout und Depression trotz mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit und Wohlstand. Kein Wunder! Selbstoptimierer vergleichen sich nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit dem Spitzen-Vorbild. Sie beschränken sich oft nicht auf ein Gebiet, das gerade einen besonderen Engpass oder eine besondere Chance in ihrem Leben darstellt, sondern sie wollen möglichst alles in ihrem Leben optimieren. Daraus können nur Überforderung und Stress entstehen. Wenn man sich schon Selbstoptimierung vornimmt, so sollte vor ihr die Frage stehen: Warum bedauere ich eigentlich meine Unvollkommenheit? Ist manchmal nicht gut, gut genug? Die Komikerin und Schauspielerin Anke Engelke: „Kaum einer, den ich auf meiner Reise traf, war zufrieden mit sich, weder innen, noch außen. Und ich dachte irgendwann: Sind wir hier alle auf Fehlersuche konditioniert? Können wir nicht erkennen, dass wir jenseits all unserer vermeintlichen Fehler absolut ok sind? Da muss sich etwas ändern, sonst drehen wir durch vor lauter Selbstoptimierung!“

aus Helmut Saiger: Warum Unvollkommenheit überlegen ist, S. 9, 23ff