Helmut  Saiger: Wenn es um Zukunft geht ...

 

 

 

 

Unvollkommen ist überlegen

  

Es ist wie eine Seuche: 10.000 Schritte mindestens am Tag, eine App zählt sie unerbittlich. Stimmt die Ausgewogenheit von Kalorien, Vitaminen, Minerale und Ballaststoffen? Entwickelt sich mein sechs Monate altes Baby so, wie es gemäß Google normal ist?

 

Sind die Algorithmen von Silicon Valley die neuen Götter? Wie die alten Götter versprechen sie mehr Glück und Erfolg für jeden, wenn er ihnen folgt.

 

Die meisten scheitern in ihrem Bemühen, sich zu optimieren und zu maximieren.  Verdammt, schon wieder keine zehntausend Schritte heute geschafft! So wie die meisten Menschen schon seit Tausenden von Jahren daran scheitern, die zehn Gebote einzuhalten.

 

Worin liegt der Sinn dieses Scheiterns (siehe auch Neujahrs-Vorsätze), habe ich mich da gefragt. Denn, wenn es keinen "Sinn" machte, dass der Mensch so unvollkommen ist, wie er ist, hätte ihn dann nicht schon "Evolution" verändert?

 

These: Der Mensch ist gerade, weil er widersprüchlich ist und hinsichtlich eines jeden Maßstabes unvollkommen, ein sehr gelungenes Geschöpf.

 

 

Was mich zu dem Manuskript veranlasst hat:

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Ich hatte mir oft überlegt und gewünscht, dass Menschen besser und anders wären. Im konkreten Einzelfall mag diese Sehnsucht auch berechtigt sein (dieser "Scheiß-Kollege", der mich mit seiner Freundlichkeit eingelullt hat!).  Aber gilt das auch für das Menschengeschlecht insgesamt? Oder würde, wenn man nur eine Einzelheit am Menschsein verändern könnte, eher eine Verschlimmbesserung eintreten? Was wäre beispielsweise, wenn man das Konkurrenz-"Gen" oder das Macht-"Gen" ausschalten könnte? Was wäre, wenn es das Bequemlichkeits-"Gen" nicht mehr gäbe? Nicht zuletzt: Was wäre, wenn alle gut wären?


 Ich habe mir in vielen Bildern vorgestellt, was wäre, wenn (meine) Wünsche nach dem besseren Menschen, nach Utopia, sich erfüllen würden. Zuerst war ich begeistert. Friede herrscht. Gerechtigkeit herrscht. Wohlbefinden herrscht. Gesundheit und langes Leben... Und zwar nicht nur für wenige, sondern für alle. Jeder kann seinen gewünschten Platz und sein Glück finden.

 

Dann habe ich weiter überlegt, habe ein wenig den "Advocatus Diaboli" gespielt. Wenn nichts nur gut ist, was entsteht aus dem Guten wiederum neues Schlechtes? Da habe ich mich von Utopia verabschiedet.

 

Gleichzeitig ist meine Bewunderung vor den Menschen gestiegen. Dass sie als sowohl Gute als auch Schlechte, als Strebende und Bequeme, als Wissende und Nichtwissende, kurz, nach jedem einzelnem Maßstab Unvollkommene, doch über die Zeit Entwicklung zum Besseren zumindest in Teilbereichen und über manche Rückschläge hinweg geschafft haben und schaffen. Immerhin leben wir nicht mehr in der Steinzeit. 

 

Seit einigen Jahren feiert aber Pessimismus zum menschlichen Handeln Wiederauferstehung. Beispielsweise mit Aussagen wie: "Es wäre besser für die Natur, wenn es die Menschen gar nicht erst gäbe." Oder: "Man müsse die Menschen vor sich selbst schützen."  Macht sich Pessimismus breit, ist (Tugend-) Diktatur nicht weit.    

 

Das Buch ist ein Plädoyer gegen solchen Pessimismus.

 

Dem vielfachen Bedauern über die (scheinbare) Unvollkommenheit der Gattung  Mensch, stellt es die These gegenüber: Diese Unvollkommenheit ist gerade gelungen.

 

 

Einige Thesen, warum Unvollkommenheit überlegen ist:

 

Ohne das Einverständnis, dass Menschen unvollkommen sind und einander brauchen, gäbe es weder produktive Arbeitsteilung noch Solidarität und Liebe.

 

Dass der Mensch widerspüchliche Eigenschaften hat, gut und böse sein kann, sichert, dass er in widersprüchlichen Situationen (über-)leben kann.

 

Oft erweisen sich die Schwächen von heute als Stärke von Morgen.

 

Unvollkommenheit aus durchschnittlichen Bemühen? Durchschnittliche Anstrengung und Begabung reichen für 90% aller Aufgaben aus. Wäre dem nicht so, könnten nicht acht Milliarden überleben und könnten keine Gesellschaften funktionieren.


Maximierer haben eine negative Bilanz: Erst steigt mit der Anstrengung der Erfolg, dann wird er mit weiterer Anstrengung zum Misserfolg. Für die letzten Prozente muss man sein ganzes Leben investieren, siehe Workaholiks und Olympia-Sieger. Die einern landen im Burnout, die anderen beim Orthopäden. 

 

Alle Maximierer (und Fundamentalisten) sind Ein-Kriterum-Menschen, die sich nur einem Maßstab unterwerfen, egal ob es Gesundheit ist, Religion, Glück, Geld, Selbstverwirklichung. Wenn sie herrschen, entstehen (kapitalistische, sozialistische, religiöse ...) Ein-Kriterien-Gesellschaften/Diktaturen.  

 

Unvollkommenheit, dass man Ziele nicht strikt verfolgt? So wie (demokratische) Gesellschaften widersprüchliche Ziele haben (z.B. Freiheit und Sicherheit), so hat auch der Mensch als "innere Gesellschaft" widersprüchliche Ziele (z.B. Familie und Karriere). Er kann sie in ihrer Breite nur erreichen, wenn er bei jedem einzelnen Ziel Abstriche macht.

 

Wer beklagt, dass er Ziele und Vorsätze nicht immer einhält, der sollte nicht nur seine Schwäche beklagen, sondern auch seine Ziele hinterfragen.

 

Unvollkommenheit aus Ungleichgewicht? Nicht aus Gleichgewicht und Harmonie entsteht Entwicklung, sondern aus Ungleichgewicht.

 

Wer Vernunft predigt, für den sie nicht kontrollierte Leidenschaften unvollkommen. Wer Tugend predigt, für den sind "Sünden" unvollkommen. Wer Harmonie predigt, für den sind Konflikte unvollkommen. Aber Leidenschaft, Sünden, Konflikte ... haben sich oft als Triebfeder  für menschliche Entwicklung erwiesen (Das "Böse", das das "Gute" schafft). 

 

Unvollkommenheit, weil man seine persönlichen Ressourcen nicht nutzt? Wer beklagt, dass man "nur zehn Prozent" seines Gehirns nutzt, der übersieht, dass das Gehirn, wenn man es zu 100% nutzen würde, keine Kapazität mehr für neue Probleme frei hätte.

 

 

Die Gattung Mensch macht besonders aus und daher ist sie gelungen:

Anpassungsfähigkeit und Robustheit: Der Mensch kann (fast) überall und in (fast) allen Situation überleben;

kreatives Schöpfertum: Mit Fantasie (was ist vorstellbar?), Träumen (das wäre schön), Werten (so soll es sein) und Verstand (wie könnte es funktionieren?) kann der Mensch wie kein anderes Wesen vorgefundene Umwelt durch Technik und Kultur sowohl verändern als auch beschützen;

Generalismus und Offenheit: Der Mensch kommt nicht für eine spezielle Situation oder Umgebung spezialisiert auf die Welt. Aber er ist mit Schlüssel-Fähigkeiten ausgestattet, die er jederzeit spezialisieren kann.

 

Die scheinbare Unvollkommenheit, dass der Mensch widersprüchlich handelt, dass er abwechselnd verschiedene Sinns und Ziele verfolgt, dass er seine körperlichen und geistigen Ressourcen nicht voll nutzt, dass er sich nicht nur nach wissenschaftlicher Erkenntnis und Vernunft richtet, dass er meistens Vorsätze erst dann einhält, wenn es wirklich kritisch wird, die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen, ist gar nicht unvollkommen, sondern sie sichern gerade Überleben und gutes Zusammenleben, weil alle diese Verhaltensweisen bedeuten, dass Menschen die ganze Breite ihrer Existenz im Blick behalten und nicht alles auf die möglichst vollkommene Erreichung eines Ziels setzen.

 

 

Warum es an der Zeit ist, das Thema "menschliche Unvollkommenheit" und ihren Sinn neu zu beleuchten:

 

 

(1) Wir leben in einer Zeit, in der Vollkommenheits-Fanatismus sich vermehrt. Schon die kleinste Schwäche, die kleinste unbedachte Äußerung, kann Shitstürme auslösen.


(2) Gesellschaften spalten sich: Hier die Highpotentials und dort die schlecht Bezahlten. Humane Gesellschaften macht aber aus, dass sie der großen Zahl der "Mittelmäßigen" einen Platz bieten und in denen man nicht am Limit leben und handeln muss.

 

(3) Wissenschaftsgläubige drohen denen,die sich nicht nur nach empirischen Fakten, z.B. zu gesunder Ernährung, richten, mit sozialer Ächtung. Die Anhänger von Politikal Correctness verbannen die "Unvollkommenen", die postfaktische und postaufklärische Wut zeigen, in die rechte Schmuddelecke. Aber ohne Wut und scheinbare Unvernunft hätte es nie Entwicklung gegeben (siehe französ. Revolution) ebenso wie es auch keine Entwicklung ohne Aufklärung und Wissenschaft gibt. Worin unterscheidet sich die neue Überheblichkeit von alten religiösen und ideologischen Überheblichkeiten? In gar Nichts! Es geht schlicht um die Frage, ob Werte und Fakten über dem Menschen stehen oder der Mensch über ihnen, weil er Werte neu verhandeln und in gewissem Maß als Schöpfergeschöpf und Kulturenbauer Fakten verändern kann.
 

(4) Startups aus Silicon Valley träumen vom "posthumanen Wesen", von seiner Überwindung menschlicher Unvollkommenheit. Was ist gemeint? Zukünftige Menschen, die über Hirnimplantate und das Web miteinander vernetzt sind, die die Anfälligkeit ihres biologischen Körpers überwunden haben (u.a. durch Nanobots, die Zellen reparieren und Gene neu strukturieren), die ihre Ziele mit Lösungs-Algorithmen optimieren können, kurz, die (fast) alle menschliche "Unvollkommenheit" überwunden haben. Aber werden das zukünftige Roboter und künstliche Intelligenz, die zukünftigen "transhumanen" Wesen nicht viel besser können, da sie gar nicht erst an die menschliche Konstitution gebunden sind? Künstliche Intelligenz wird die Frage neu ins Zentrum rücken, was eigentlich den Menschen ausmacht, worin er seinen Stolz und seine Würde sieht.

 


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