Helmut  Saiger: Wenn es um Zukunft geht ...


Für mehr Miteinander und Zusammenhalt

Wie eine neue Kontaktgesellschaft aussehen kann – ein Essay von Helmut Saiger


Herzenskälte, Einsamkeit, der Triumpf des Egoismus, Armut an Zeit, Stress und Depressionen nehmen seit Jahren zu. Komfortdenken, Nutzenkalkül und Ego-Orientierung beherrschen den sozialen Raum. Man kann sich fragen, ob es je eine Gesellschaft gab, in der so wenig Gemeinschaft war und in der soziale Beziehungen so anfällig und wenig nachhaltig waren. „Der Megatrend Individualisierung ist so stark geworden, dass er die gesellschaftlichen Gruppen geradezu atomisiert“, meint der Trendforscher Matthias Horx. Oder der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam: Solidarität und Sozialität sind in den westlichen Demokratien längst verschwunden.

In der Glücksforschung ist unbestritten, dass soziale Kontakte, Familie und Freunde zu den wichtigsten Glücksfaktoren gehören. Auch Mediziner wissen: Menschen, die in guten Beziehungen leben, sind weniger von Krankheiten gefährdet, erholen sich schneller wieder davon und haben eine höhere Lebenserwartung als einsame Menschen. Warum hat sich in den Industrieländern trotz Wirtschaftswachstum und Wohlstand die Zufriedenheit der Bevölkerung kaum verändert? Warum ist der Zufriedenheitsgrad nicht wesentlich höher als der in manchen Entwicklungsländern? Eine der plausibelsten Erklärungen scheint mir diese: In den Industrie-ländern ist der Wohlstand zwar gestiegen, aber die Qualität der sozialen Beziehungen in einer von Wettbewerb getriebenen Gesellschaft hat parallel dazu abgenommen. Im Vergleich ist in Entwicklungsländern der Wohlstand zwar geringer, dafür aber sind die sozialen Unterstützungsnetze der Familienverbände und Clans intakter. Es stellt sich die Frage: Sind wir im Hinblick auf die „sozialen Güter“ zum Entwicklungsland geworden? Wie schaffen wir es unsere soziale Umwelt wieder neu zu beleben?

Ein neues Miteinander deutet sich an

Die Zahl der Menschen wächst, die sich fragen: Was nützt mir die schönste Luxusküche, wenn sich nicht Freunde bei mir zum Mahl versammeln? Brauche ich so viel Status und Geld nicht zuletzt deshalb, weil ich dauernd Unbekannte für mich einnehmen muss? Was nützt alle Karriere, wenn der Partner oder die Partnerin über mangelnde Zuwendung klagt und sich scheiden lässt? Was ist das für eine Gesellschaft, in der man dauernd am psychischen und zeitlichen Limit lebt?

Einiges deutet darauf hin, dass künftig Beziehungen wieder mehr in den Mittelpunkt rücken und Menschen wieder mehr vom Kulissenbauer – Status, Haus, Auto – zum Kontaktbauer werden wollen und dass Lebensqualität aus Beziehungen wichtiger wird als ökonomischer Status. Worum geht es beispielsweise bei Facebook und den anderen sozialen Internet-Netzen? Um Freundschaften und Kontakt geht es. Zwei Drittel der Jugendlichen nennen Freundschaft und menschliche Wärme als besonders wichtige Werte. Immer mehr Senioren erkennen, dass zur Sicherung eines guten Alters nicht nur Rente und private Vermögensbildung gehören, sondern auch soziale Netze und ein persönlicher Freundeskreis, für die man eben auch sorgen muss.

2009 führte die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen eine repräsentative Umfrage durch. Die Ergebnisse: „Wenn es nach den Wünschen der Bevölkerung geht, dann gehört die Zu-kunft der Bundesrepublik einer Sozialgesellschaft (66%), einer Generationengesellschaft (56%) und einer Hilfeleistungsgesellschaft (52%).“ Und: „Die Bürger wollen lieber gute Freunde als viel Geld haben.“ Das Hamburger Trendbüro sekundiert: "Die ungehobenen Ressourcen von Morgen sind nicht Rohstoffe, sondern menschliche Beziehungen". Es liegt auf der Hand: Weder kann eine Wissensgesellschaft der Wissensteilung funktionieren, noch können Unternehmen im globalen Wettbewerb zu gemeinsamen Entwicklungsprojekten finden, noch können Menschen Wohlbefinden aus sozialen Netzen beziehen, wenn die sozialen Kontakte nicht intakt sind. Und nicht zuletzt wird man eine größere wirtschaftliche Krise nur schwer bewältigen, wenn die Gesellschaft nur aus lauter atomisierten Individuen besteht und Konkurrenz nicht auch von Kooperation begleitet wird.

Wie aber könnte eine neue Kontaktgesellschaft aussehen? Um ihre Eigenschaften zu verdeutlichen, will ich sie denen der gegenwärtigen Wirtschaftsgesellschaft gegenüberstellen.

Vom Ich zum Wir

Während in einer Wirtschaftsgesellschaft Wettbewerb als Wert dominiert, gewinnt in einer Kontaktgesellschaft Kooperation als Leitlinie an Gewicht, auch in der Wirtschaft. Es geht um Vernetzung, Einbeziehung und Kooperation zwischen Verschiedenen. Automobilunternehmen arbeiten bei der Entwicklung von E-Cars zusammen. Menschen teilen ihr Wissen mit anderen bei Wikepedia. Die Medien beziehen Twitter, Blogs und Handy-Fotos von Laien in ihre journalistische Arbeit ein. Die Devise heißt: „Share and win“. Von der Ich-Gesellschaft zur Wir-Gesellschaft. Die neuen Aufforderungen: „Vernetze dich! Verbünde dich! Öffne dich!“ sind aber mit einem steigendem Risiko des Missbrauchs und der Übervorteilung verbunden. 1959 war noch die Hälfte der Bevölkerung der Meinung, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, 40 Jahre später ist es nur noch ein Drittel. Wenn als Konsequenz sich jeder einen Schutzpanzer anlegt, Wissen nicht teilt und dem anderen misstraut, kann sich aber Kooperation nicht entwickeln. Deshalb wird es in der neuen Kontaktgesellschaft eine stärkere Ächtungskultur gegen Missbrauch von Vertrauen geben. Wer beispielsweise in den sozialen Freundesnetzes des Internets andere an den Pranger stellt oder lächerlich macht, wird damit rechnen müssen, dass er auf eine schwarze Liste kommt oder zumindest raus geklickt wird. Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit werden als unerlässlicher sozialer Kitt erkannt, wie der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski betont.

Vom wirtschaftlichem Reichtum zu sozialem Reichtum

Während in der Wirtschaftsgesellschaft Wirtschaftsgüter und wirtschaftlicher Wohlstand im Mittelpunkt stehen, sind es in der Kontaktgesellschaft soziale Güter und sozialer Reichtum. Soziale Güter und Wirtschaftsgüter unterscheiden sich dabei erheblich. Ein Auto verliert an Wert, wenn man es nutzt. Soziale Güter nehmen zu, wenn man sie gebraucht: Das eigene Einfühlungsvermögen wächst, wenn man sich in andere einfühlt. Die Fähigkeiten zur Teamarbeit wachsen, wenn man im Team arbeitet. Die Rückmeldungen der anderen auf das eigene Verhalten setzen neue soziale Spiralen in Gang. Freundschaft wächst mit der Pflege von Freund-schaft. Gebe ich dem anderen, wird auch mir eher gegeben.

Der ideale Wirtschaftsbürger ist der Single. Er engagiert sich im Beruf, da er kaum andere Kontakte und Sinnquellen hat. Er konsumiert Fertigprodukte und geht gerne aus. Wenn er sich in einer Diskothek, auf einem Kongress oder im Urlaub für andere interessant machen will, dann braucht er viel Geld für Klamotten und Frisör. Er muss mit seinem Status winken, da man sonst nichts von ihm kennt. Anders, wenn sich gute Freunde und Familien treffen. Da braucht es meistens nicht viel mehr als ein Sofa zum Beisammensitzen und etwas zu trinken und zu essen. Würden wir mehr in Familie, Freunde und soziale Netze investieren, bräuchten wir weniger Geld dafür, immer wieder neue Unbekannte für uns einzunehmen und Kontaktbedürfnisse am Markt zu befriedigen.

An Wirtschaftsgütern kann man nie genug bekommen, weil neue Angebote immer wieder neue Bedürfnisse wecken. Anders bei sozialen Gütern. Da bringt immer mehr und immer Neues eher wenig. Zehn Freunde schaffen meist nicht mehr Glück als Fünf. Immer mehr Empathie für den anderen wird diesem irgendwann lästig fallen. Schafft man eine reichere Kontaktgesellschaft der Begegnungen, der gegenseitigen Hilfen und des gemeinsamen Tuns, dann braucht es weniger an Wohlstandskulisse und damit an Wirtschaftswachstum. Eine neue Kontaktgesellschaft kann daher eine positive Zukunftsperspektive angesichts der Grenzen des Wachstums und knapper werdender Umweltressourcen bieten.

Von Zweckbeziehungen zu Gemeinschaften

In der Wirtschaftsgesellschaft sind ein Großteil sozialer Kontakte funktional und Mittel zum Zweck. Man begegnet sich als Konsument oder als Arbeitnehmer. Da ist der Kollege, mit dem man sich nur für ein Bier verabredet, weil man ihn für ein Projekt gewinnen will. Da ist der Arzt, der nur noch Heilungsingenieur ist und keine Zeit mehr für Zuwendung hat. In der neuen Kontaktgesellschaft geht es darum, Kontakte reich an sozialen Gütern zu gestalten. Die Lust und der Gewinn aus der Gemeinschaft selbst rücken wieder mehr in den Mittelpunkt. Wo erfahre ich emotionale Nähe? Mit wem kann ich gemeinsame Interessen und Werte teilen? Gibt es Hilfe und Unterstützung? Auch Unternehmen begreifen zunehmend, dass sie nicht nur eine Zweckveranstaltung zur Gewinnerzielung sind, sondern auch Gemeinschaften und Teile einer Gemeinschaft. Mitarbeiter wollen nicht nur Funktionsträger sein, sie wollen auch ein (stolzes) Gefühl der Zugehörigkeit haben und Wertschätzung als ganze Person empfinden. Kunden beurteilen Unternehmen nicht nur in der Rolle als Konsumenten, sondern auch als Bürger.

In der Wirtschaftsgesellschaft sind die sozialen Gruppen immer spezialisierter und homogener geworden. Hier die After-Work-Yuppie-Party, dort der Bohemien-Künstlertreff, hier die Disko für Junge, dort der Tanzkreis für Ältere. Alle mit eigenem (Dress-)Code und für Nichtzielgruppen auch ohne Türwächter verschlossen. Stadtteilkneipen, in denen sich Jung und Alt, der Professor und der Handwerker zum Bier oder einem Glas Wein treffen, haben immer mehr Seltenheitswert. Dass aber Heterogenität auch bereichert, wird in der neuen Kontaktgesellschaft wieder mehr erkannt werden. Schon heute wehren sich die Bewohner alter Stadtviertel in Hamburg und Berlin gegen Luxussanierung, die soziale Verwobenheit und Vielfalt zerstört. Ganz besonders gilt die neue Heterogenität für die Mehrgenerationengesellschaft. Gemischte Arbeitsteams und gegenseitige Unterstützung von Jung und Alt werden ihr überlebensnotwendiges Merkmal sein.

Die sozialen Kerne, Familie, Freunde und private Beziehungsnetze werden eine Renaissance erfahren. Dort gilt man als ganzer Mensch, ist emotional miteinander verbunden und füreinander da. Dabei differenziert sich das, was als Familie gilt, aus: von der Kleinfamilie, über die Patchwork-Familie bis hin zu Familien ähnlichen Wohn- und Arbeitsgemeinschaften. Im Vergleich zu Familien gewinnen selbstgewählte Freundeskreise eine wachsende Bedeutung. In sie zu investieren wird auch zunehmend als soziale Vorsorgemaßnahme für das Alter wichtig. Was wir heute oft in einer Gesellschaft der unverbindlichen Beziehungen haben: Soziale Satelliten von Internet-Chats bis zu Urlaubsbekanntschaften, die um keine Gemeinschaften kreisen und aus denen eher selten nachhaltige Gemeinschaften entstehen.

Da alle sozialen Beziehungen mit Kontakten beginnen, nenne ich die neue Gesellschaft Kontaktgesellschaft. Ihr Wohlfühlstand wird von der Frage abhängen, welche Kontaktnetze es gibt und was aus ihnen an Miteinander und Zusammenhalt entsteht.

Von der Einkaufsstadt zur Kontaktstadt

In der Wirtschaftsgesellschaft bildet sich die städtische Infrastruktur im Wesentlichen aus ökonomischer und kultureller Hardware. Bibliotheken stellen Bücher zur Verfügung, die Gastronomie Speisen und Getränke, die Läden Konsumprodukte. In der Kontaktgesellschaft wird die Stadt zu einer Stadt der Verabredung und des Zusammentuns und -erlebens. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und 2010 hat Public Viewing Plätze in Orte verwandelt, bei denen Jeder mit Jedem feierte. Parks und städtische Plätze werden (angesichts der Klimaerwärmung) wieder mehr zu Orten der Aktivität, an denen sich unterschiedliche Generationen und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen treffen: mit Spielplätzen für Kinder, Junge und Alte, mit Tanz- und Gymnastikgruppen, an denen jeder teilnehmen kann, wie es beispielsweise in chinesischen Parks üblich ist. St. Gallen hat einen unattraktiven Platz so zur „Stadtlounge“ entwickelt, zum größten öffentlichen Wohnzimmer der Schweiz.

Vor allem wird es in der Kontaktstadt um die Erleichterung der Kontaktaufnahme zwischen Unbekannten gehen. Wer alleine in ein Lokal kommt, kann beispielsweise an der Theke eine Rot-Grün-Ampel bekommen, die er auf seinen Tisch stellen kann. Grün bedeutet: Man darf sich gerne dazu setzen. Warum nicht in der Stadt Kontakthaltestellen einrichten, an denen sich einander unbekannte Gleichgesinnte für weitere Verabredung treffen können, so wie es Bushaltestellen gibt, also eine Single-Haltestelle oder eine Jogger-Haltestelle oder entsprechende Meeting-Points in Social Networks? Nicht zuletzt kann man über das mobile Internet und Smartphones erfahren, welche Leute mit gemeinsamen Interessen sich gerade in der Nähe aufhalten und einen Treffpunkt ausmachen.

Cafés und andere Einrichtungen werden zu „Dritten Orten“ zwischen Arbeitsplatz und Wohnung, zu öffentlichen Wohnzimmern. Dabei wird es Spezialisierungen geben, beispielsweise Eltern-Kind-Lokale mit Spielmöglichkeiten, Fachzeitschriften und Elterngesprächen. Oder für Berufstätige die Möglichkeit Arbeitsplätze mit Equipment auf Zeit zu mieten und sich dabei an der Kaffeebar mit anderen auszutauschen. Einrichtungen verbinden sich zu gemeinsamen Events, wie es heute schon die außerordentlich erfolgreichen Museen- und Galerienächte oder die Flirt- und Singlepartys von Diskotheken oder die Stadtmarathons sind. Häuserfronten werden in Zukunft zu LED-Displays, die beispielsweise die aktuelle Sitzung des Gemeinde-rats zum Public Viewing machen oder auf denen Vereine zum Mitmachen einladen. Die Stadt als virtuell-realer Informations- Wissens- und Kontaktraum, darüber diskutieren Architekten und Stadtplaner bereits heute.

Gemeinsam wohnen

Auch Wohnungen und private Haushalte kann man mit neuem Leben füllen. Heute haben Familienmitglieder oft so viele eigene Interessen und Verpflichtungen, dass nicht einmal Zeit für ein gemeinsames Mahl bleibt. Aber die Wende zeichnet sich schon ab. Bürgersalons, in denen sich Unterschiedliche zu einem Thema treffen, erleben eine Renaissance. Studenten veranstalten Kochpartys. Senioren gründen Wohngemeinschaften. Es ist eine Alternative zu Einsamkeit und dem Leben in einem Seniorenheim.

Hochhausklötze oder Häuser, die sich an einer Straße entlang aufreihen, so etwas fördert nicht gerade Kontakte und gemeinsame Tätigkeiten zwischen den Bewohnern. Unter Stichworten wie „die soziale Stadt“ oder „Quartiermanagement“ gibt es bessere Ansätze: die Anordnung der Häuser um einen Platz, in einem Karree oder die Verdichtung vom Häusergruppen zu einer kleinen Stadt in der Stadt mit Gemeinschaftsräumen und Treffpunkten. Hauseigentümer könnten Mieter danach auswählen, inwieweit sie über sich ergänzende Kenntnisse und Fertigkeiten aus Beruf und Privatleben verfügen (Handwerker, Kaufleute, Lehrer…), die sie untereinander austauschen können, und dazu im Quartierbüro eine kleine Vermittlungsstelle einrichten oder eine Seite im Internet.

Der Gedanke hat sich bei den immer zahlreicher werdenden Mehrgenerationenhäusern bewährt. Jeder hat hier seine eigene Wohnung und kann es dabei belassen. Er kann sich aber auch mit anderen austauschen und auf die gegenseitige Hilfe zurückgreifen nach dem Motto: Die Älteren passen auf die Kinder auf und helfen bei den Schulaufgaben, die jungen Berufstätigen revanchieren sich mit Einkaufen und anderen Diensten, und man trifft sich zum Gespräch und Feiern mal beim einen, mal beim anderen oder zwanglos an der gemeinsamen Grillstätte.

In den Dörfern früher begegneten sich die Mitglieder eines Stammtisches auch als Kunde oder Patient, als Arzt oder Lehrer, als Vereinsmitglied oder Nachbarn. Diese enge Verflochtenheit empfanden viele aber auch als soziale Enge. Sie flohen deshalb in die Freiheit der Städte, in der jeder sein kann, der er will, weil es keinen anderen interessiert. Jetzt aber sind Nähe und Kooperation das Defizit. Die neue Kontaktgesellschaft wird auszeichnen, dass man zwischen Distanz und Nähe, zwischen Autonomie und Kooperation wählen kann, weil es beide Angebote gibt. Damit das aber möglich ist, wird es nach der ökologischen Erneuerung der Städte in Zukunft um die kommunikative und kooperative Erneuerung gehen.

Die Kontaktgesellschaft als neue Tätigkeitsgesellschaft

Die beste Grundlage für nachhaltige Kontakte sind gemeinsame Tätigkeiten und Aufgaben. Das seit dem Beginn der Industrialisierung dominierende Paradigma, dass anerkannte Arbeit nur Erwerbsarbeit ist, lässt sich in Zukunft so nicht mehr aufrechterhalten. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist überhaupt nicht erwerbstätig. Ein durchschnittlicher Vollzeit-Arbeitnehmer verbringt gerade mal knapp 11% seiner wachen Lebenszeit im Beruf. Die Erwerbsgesellschaft bietet Rentnern, die aufgrund höherer Lebenserwartung nicht selten gesund und fit noch eine Zeit vor sich haben, die länger ist als ihre Kindheits- und Jugendzeit, kein Modell für sinnvolle und erfüllende Tätigkeitschancen.

Wenn man also das Spektrum für Kontakte und gemeinsames Tun ausbauen möchte, braucht es eine Erweiterung von der Erwerbsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft, in der aus der Kombination von Erwerbsarbeit, Eigen- und Familienarbeit, Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement und der Kooperation zwischen den Bürgern eine breitere Basis für Anerkennung, Versorgung, Sinn und Zugehörigkeit entsteht. Würden Bürger ihren Status aus mehreren Quellen beziehen, aus dem Beruf und beispielsweise einer Vereinstätigkeit, so müssten sie weniger Angst haben, dass sie alles verlieren, wenn sie den Beruf verlieren. Aufgrund des Pillenknicks werden in naher Zukunft Arbeitskräfte knapp werden. Man wird möglichst viele junge Männer und Frauen für Berufstätigkeit gewinnen müssen. Dann wird man die Senioren brauchen, die in der neuen Tätigkeitsgesellschaft die Erwerbstätigen in den außerberuflichen Lebensbereichen entlasten.

In der Wirtschaftsgesellschaft wurden immer mehr Eigenleistungen ausgedünnt und auf den Markt und den Versorgungsstaat übertragen. Aber kann man darauf angesichts der Schuldenkrise noch ausreichend bauen? Es geht in der neuen Kontaktgesellschaft auch darum, die privaten Hilfs- und Unterstützungsnetze wieder zu aktivieren und sich damit vom Markt und vom Staat unabhängiger zu machen. Zwischen dem, was in Subsidiarität durch die Bürger leistbar ist, und dem, was nur der Profi erbringen kann, wird in Zukunft der Bereich der Kooperation zwischen Bürgern und Einrichtungen an Bedeutung gewinnen. Das Modell hierzu ist die „gemischte Leistungskette“. Senioren bilden Alterswohngemeinschaften, die von professionellen ambulanten Services unterstützt werden. Ehrenamtliche und Hauptberufliche arbeiten in Wohlfahrtseinrichtungen oder Ganztagesschulen zusammen. Kommunen, die solche gemischten Leistungsketten zwischen Bürgern und Einrichtungen schon immer geübt haben, werden jede Krise besser bestehen. Damit das aber klappt, braucht es manchmal etwas weniger an Arroganz der Hauptberuflichen gegenüber den beteiligten engagierten Bürgern. Statt auf Diplomen zu pochen, kann man sie auch weiterbilden.

Eine neuer Vertrag zwischen unvollkommenen Menschen

Eine neue Kontaktgesellschaft bedeutet, dass es wieder mehr zuverlässiges Miteinander und mehr Zusammenhalt gibt. Das wird aber mehr Belastbarkeit und Einander-aushalten-Können erfordern. Das Leben ist meistens die Küche und nicht das Restaurant. Statt sich und andere mit auf Dauer unrealistischen Anforderungen – fit, sexy und erfolgreich – einseitig zu überfrachten, wird es mehr darum gehen, einen „Vertrag“ zwischen unvollkommenen Menschen zu schließen. Wie kann man mit der Unvollkommenheit der Beteiligten (Kollege, Partner, Freund) dennoch nachhaltige und erfolgreiche Gemeinschaften schaffen? Wie kann man mit Konflikten umgehen? Wie mit Enttäuschungen umgehen? Heute sucht man allzu schnell nach der Alternative, die sich nicht selten dann auch nicht als besser erweist.

Geht man vom hingegen unvollkommenen Menschen als Menschenbild einer neuen Kontaktgesellschaft aus, so wird man vielleicht sogar feststellen, dass der Mensch gerade deshalb gelungen ist, weil er unvollkommen ist. Wie oft wirft man beispielsweise sich und anderen widersprüchliches Verhalten vor: dass man gleichzeitig gut und böse, lieb und aggressiv, tolerant und wertentschieden, fürsorglich und egoistisch ist? Aber ermöglichen nicht erst diese widersprüchlichen Fähigkeiten, dass Menschen widersprüchliche Situationen bewältigen können? Dass aus einer liebenden Mutter eine reißende Wölfin werden kann, wenn ihr Kind in Gefahr ist? Dass man hier den eigenen Erfolg sucht und dort dem anderen hilft?

Was Menschen von sich zeigen, ob sie friedlich oder aggressiv sind, hängt von der Situation ab, in der sie gerade leben. Statt den guten Menschen zu fordern und immer neuen Guru-Idealen vom perfekten Menschen hinterherzujagen, wird es in der neuen Kontaktgesellschaft darum gehen, immer wieder neu Umstände zu schaffen, aus denen heraus der Mensch gut handeln kann. Das ist die intelligente Herausforderung. Geht man in der neuen Kontaktgesellschaft davon aus, dass sie aus lauter unvollkommenen Menschen besteht, den „wunderbarsten und schrecklichsten Wesen“, wie der Freiburger Philosoph Rainer Marten meint, dann kann sie gut gelingen.

Fazit: Sozialer Reichtum ist Engpass und Traum

In einer neuen Kontaktgesellschaft gewinnen Werte der Kooperation und des Zusammenhalts an Gewicht. Soziale Güter werden gegenüber Wirtschaftsgütern wichtiger. Leistungen von Markt und Staat verlagern sich vermehrt in private Unterstützungsnetze und Tätigkeits-Gemeinschaften und es kommt zu neuen Formen der Kooperation zwischen beiden. Das Bildungswesen erweitert seinen Kanon um die dazu notwendigen sozialen Fertigkeiten. Städte entwickeln ihre Infrastruktur für Kooperation und Vernetzung. Neben dem Sozialprodukt streben die Bürger nach mehr sozialem Wohlfühlprodukt. Miteinander gut leben statt nur viel haben wird zu einem neuen Lebensgefühl. Die vorhanden Werte Individualismus, Wettbewerb, Effizienz, Wohlstand … bleiben zwar erhalten, aber sie verlieren relativ an Gewicht.

Ob es so kommen wird? Zukunft entsteht aus Engpässen und Träumen. Sozialer Reichtum ist Engpass und Traum. Wir sind, was Zusammenhalt und Miteinander angeht, zum Entwicklungsland geworden. Aber es tut sich etwas. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 war es das Teamwork der Deutschen Mannschaft, das begeisterte. Bundespräsident Christian Wulff wählte sich bei seiner Antrittsrede „Miteinander“ zum Leitthema. Zukunft zeichnet sich ab, wenn Menschen, die nichts voneinander wissen, plötzlich beginnen, in die gleiche Richtung zu denken und zu schreiben. Dies geschieht gerade. "Der Wohlstand der Zukunft hängt von der Kultur unseres Zusammenlebens ab." schrieb die Süddeutsche Zeitung (22.12.2009); „Kooperation ist unsere Zukunft“, so Josef Joffe, in Die Zeit (30.12.09.). Meinhard Miegel ruft nach einer „Renaissance des Gemeinschaftlichen“. Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski veröffentlicht ein Buch mit dem Titel: „Wir! Warum Ichlinge keine Zukunft haben.“

Nicht zuletzt. In den sozialen Freundesnetzen des Internets gibt es überhaupt keine ökonomischen Güter zu gewinnen. Es geht dort ausschließlich um soziale Güter, um Austausch, Zugehörigkeit und Mitmachen.

(c) ALL RIGHTS RESERVED Dipl. Ök. Helmut Saiger, Freiburg
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Helmut Saiger lebt als Zukunftsforscher, Berater und Autor in Freiburg. Soeben ist sein neues Buch erschienen: Kontakte statt Kulisse. Miteinander gut leben statt nur viel haben. 180 S., 12,80 Euro

 

 

 

 

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