Ewig Knappheit oder eine Kultur der Fülle?

Über tausende von Jahren beschäftigt sich der Mensch nun schon damit, Knappheit zu vermindern, Knappheit an Nahrungsmitteln, Knappheit an Anerkennung und Liebe. Das wird auch in tausend Jahren wohl noch so sein. Knappheit gehört zum Leben. Gleichzeitig aber besteht auch allumfassender Überfluss und Fülle. Es ist Zeit, einmal mehr auf die Fülle schauen. Es kann das Leben verändern.

Der Mensch selbst ist das beste Beispiel für Fülle. Er hat so viele Fähigkeiten in sich, dass er mehrere Berufe in etwa gleich gut ausüben kann. Oft sind es nur Zufälle, die bestimmen, welchen Beruf er sich wählt. Es gibt nicht nur den einen Partner, mit dem er glücklich werden kann, sonst würden ja alle die unglücklich werden, die in München wohnen und deren Traumpartner in Hamburg lebt.

Es gibt mehr Glücksquellen, als man nutzen kann, sonst würde es nicht Tausende von Glücksbüchern geben, sondern nur eines. Der Mensch hat auch so viele Träume und Hoffnungen, Fantasie und Kreativität, dass er sie nicht annähernd verwirklichen kann. Könnte er sie aber alle verwirklichen, dann bliebe nichts mehr von ihnen übrig, dann erst würde wirklich Knappheit entstehen.

Aber genau solche Ziele wollen uns Ratgeberbücher und Zeitschriften einreden. Es gibt noch mehr Glückschancen, nimm sie wahr. Es gibt noch mehr Möglichkeiten, sich gesund zu ernähren, nimm sie wahr.  Das würde aber ein knappes Leben werden! Man hätte für nichts anderes mehr Zeit als sich gesund zu ernähren und das Glück zu suchen.

Das Alphabet hat 26 Buchstaben. Damit kann man unendlich viele Gedichte und Romane und Sachbücher schreiben. Kaum ein Schriftsteller bedauert, dass er nicht unendlich viele Bücher schreiben kann, er freut sich vielmehr über den Luxus und die Fülle, auswählen zu können. Der Mensch kann in fast allen Ländern überleben, im kalten Grönland ebenso wie im heißen Kenia. Kein Mensch wollte deshalb überall dort leben, um alle Möglichkeiten des Lebens auszuschöpfen, außer ein paar Reisende vielleicht, die keine Ruhe geben, bis sie den ganzen Erdball umrundet haben.

Der Mensch ist mit seelischer Flexibilität ausgestattet, die es ihm erlaubt, in guten und in schlechten Zeiten zurechtzukommen. Wer heute glaubt, dass er ohne ein großes Auto nicht existieren kann, der stellt morgen erstaunt fest, dass ihn ein kleines auch nicht unglücklich macht. Und das allerbeste: Es gibt fast keine Lebenssituation, bei der sich nicht sogar das innere Gleichgewicht der Zufriedenheit immer wieder neu einstellt. Die Fülle des Lebens ist so groß, dass man sie gar nicht ausschöpfen kann. Da müsste sich doch der Mensch eigentlich im Luxus fühlen, so wie ein Milliardär, der mehr Geld hat als er jemals ausgeben kann.

Was aber bewirkt, dass wir diese Fülle oft nicht sehen? (1) Zuerst einmal, dass unsere Gene in erster Linie an Knappheit und Überleben und die Abwehr von Gefahren ausgerichtet sind und dann erst am Glück und der Fülle des Lebens. Deshalb sind die Zeitungen und Nachrichten auch so voll mit schlechten und bedrohlichen Nachrichten, weil das unsere Aufmerksamkeit erregt, es könnte ja uns selber gefährden. Deshalb kämpfen Leute am Krabbeltisch des Schlussverkaufs mit der Angst, irgendetwas zu versäumen. Die Natur macht oft blind für das Glück und die Fülle. Viele wissen erst, was sie an ihrem Partner hatten, wenn er sie verlassen hat.

(2)  Mit neuen Möglichkeiten baut sich immer wieder neu die Spirale der Knappheit auf: Gibt es neue Chancen, steigt das Anspruchsniveau an das Leben parallel mit ihnen. Und nicht nur das. Die Chancen werden zum neuen Minimum, das es zu erreichen gilt. Wer es nicht erreicht, gilt oft als Versager. Haben wir heute nicht viel mehr Möglichkeiten, jugendlich und schön auszusehen und uns gesund zu erhalten? Aber anstatt diesen Spielraum zu genießen, wird das erreichbare Maß an Schönheit und Gesundheit zum neuen Maßstab der Knappheit. Man muss jetzt mit siebzig so wie früher mit fünfzig Jahren aussehen. Weniger kann man sich nicht mehr leisten. Sind nicht viele heute emphatischer und einfühlsamer im Umgang miteinander? Aber anstatt hieraus Fülle zu gewinnen, wächst die Empfindlichkeit des Partners parallel mit dem Einfühlungsvermögen des anderen. Er ist jetzt sauer über kleine Unaufmerksamkeiten, die ihm früher gar nicht aufgefallen wären. Die Knappheitsspirale lässt grüßen. Solange in der Gesellschaft ein runder Bauch nicht genau so akzeptiert wird wie ein Waschbrettbauch, solange Empathie des einen nicht einhergeht mit der Toleranz des anderen, wenn Empathie einmal vergessen wird, wird nie mehr Fülle und Mitmenschlichkeit entstehen. Fülle heißt mehr zu haben als man braucht.

(3) Der nächste Krieger der Knappheit schlägt zu, wenn der Mensch denkt, dass er gar nicht genug Überfluss haben kann, denn wer weiß schon, was man in Zukunft noch brauchen könnte. Das ist die Stunde der Sammler. Sie können an Ersparnissen, Vermögen, Freunden, Party-Einladungen gar nicht genug haben.

(4) Das Heer der Knappheit schlägt weiter zu mit der Behauptung, dass es nur den einen Weg im Leben gibt. Wir haben aber oben gesehen, dass viele Wege nach Rom führen. Besonders die Ratsgeberabteilung behauptet gerne: Wer sich selbst verwirklichen will, wer sein wahres Glück finden will, der suche den einzig wahren Partner und den einzig erfüllenden Beruf und lebe nur seine besonderen Stärken. Diese Ratgeber schaffen nicht mehr Glück, sondern mehr Unglück, denn in Hinblick auf die „einzig wahre Bestimmung“, (die es gar nicht gibt), erscheint das Leben meistens unerfüllt.

Auch ihre Behauptung, man solle alle seine „Ressourcen“ nutzen, ihr Wehklagen, dass der Mensch nur „zehn Prozent seines Gehirns nutzt“, ist schierer Blödsinn. Der Mensch hat immer mehr Fähigkeiten als er für eine bestimmte Lebenssituation benötigt, denn das erst sichert seine Überlebensfähigkeit auch unter anderen Lebensbedingungen.

(5) Die höchste Perversion des Knappheitsdenkens aber wird erreicht, wenn sich der Mensch selber als knapp empfindet. Da ärgert sich der Hotelgast, dass er nicht alles aufessen kann, was das Frühstückbüfett an Speisen bietet, weil sein Hunger und sein Magen zu klein dazu sind. Er fühlt sich dann unter Entscheidungsstress, was er wählen soll. Wer in Fülle denkt, der würde sich darüber freuen, dass viel mehr da ist, als er braucht. Da fühlen sich Eltern als Eltern unzulänglich und lesen eine Fachzeitschrift nach der anderen und sehen dabei nicht, dass Kinder sogar in solchen Gegenden gut gedeihen, wo man nicht einmal lesen kann. 

Besonders Utopisten jeder Couleur gehen davon aus, dass der Mensch in seiner Unvollkommenheit selbst die größte Knappheitsquelle ist. Deshalb wollen sie ihn zu einem „besseren“ Menschen erziehen und streben nach der idealen Gesellschaft. Es sind die wahren Unglücksstifter. Sie sondern aus, was nicht in das eigene (religiöse, politische) Anforderungsprofil passt, verurteilen und verfolgen, wer nicht ihre Werte teilt. Was aber eine „ideale Gesellschaft“ ist, kann man nur in Bezug auf einzelne Ziele und Werte definieren. Im Mittelalter war es Gottesfurcht, im Marxismus kein Privateigentum. Das Leben aber verfolgt immer gleichzeitig viele und meistens widersprüchliche Ziele. Alleine deshalb ist jede eindimensionale Utopie unmenschlich, egal, was ihr Inhalt ist. Eine Kultur der Fülle entsteht erst dann, wenn es viele Ziele und Werte in ihr gibt, viele verschiedene Angebote, die es ermöglichen, dass viele Deckelchen ihr Töpfchen finden können und auch der unvollkommene und mit Fehlern behaftete Mensch seinen Beitrag leisten kann. Der Unternehmer entlässt in einer solchen Gesellschaft nicht sofort seinen Verkäufer, weil der seine Umsatzziele nicht erreicht, sondern überlegt, ob er für den Mitarbeiter nicht eine andere Stelle im Unternehmen findet, die seinen Begabungen mehr entspricht. Gruppen, die gegen den herrschenden Konsens protestieren, werden auch als Chance für neue Lösungen in der Zukunft angesehen und nicht sofort verurteilt und bekämpft. Natürlich sollen wir uns bemühen, unser Bestmögliches zu geben. Aber wir sollen auch Gesellschaft nicht so knapp machen, dass in ihr nur „die Besten“, die „Angesagtesten“, die „Moralistischen“ überleben können.

Knapp fühlt sich der Mensch oft bezüglich seiner Tugend. Er wollte gerne ein liebevollerer, gerechterer, solidarischerer Mensch sein. Gleichzeitig verbindet er dies mit Selbstüberwindung und Opfer. Würde er in Fülle denken, würde Tugend ihren „Zeigefinger“ verlieren und sich in Lust und Freiheit verwandeln. Das Finanzamt oder die Versicherung nicht zu betrügen, obwohl man wüsste, wie es geht, das kann man aus moralischer Selbstüberwindung tun und aus Angst entdeckt zu werden, oder aber einfach auch aus Lust an der Freiheit, dass man es sich als Mensch leisten kann und weil man sich als ein souveräner König des Lebens fühlen will, stolz auf die eigenen Werte. Das eine ist Denken in Knappheit, das andere Denken in Fülle. Man kann anderen Menschen helfen und ihnen etwas Gutes tun, weil man sich davon Gottes Lohn verspricht oder eine höhere Wertschätzung der anderen. Das ist Denken in Knappheit. Man kann es aber auch tun, einfach, weil Glücklichmachen ein gutes Gefühl ist und man sich reich fühlt, dass man es sich innerlich leisten kann. Das ist Denken in Fülle. Wer ein schnelles Auto fährt und trotzdem keinen anderen vorbeilassen kann, der ist arm. Er hat nicht die Fülle, die ihn sagen lässt: „Ich kann es mir leisten, einem schwächeren Auto den Vortritt zu lassen.“ So ein Mensch ist wirklich frei. Alle, aber auch alle Untersuchungen bestätigen, dass Geben und Großzügigkeit glücklich machen. Wer fünf Euro an eine Hilfsorganisation überweist, der fühlt sich den ganzen Tag besser. Dass wir das so wenig erkennen, liegt nur daran, dass wir beim Geben nur die Kosten und das Opfer sehen und nicht auch das Glück, das aus Glücklichmachen entsteht. Lust kann man sowohl aus Betrügen als auch aus Ehrlichsein gewinnen. Tom meint, dass man eine bessere Gesellschaft und ein besseres Menschsein erst erreichen kann, wenn man sie aus Lust will, und nicht in erster Linie nur aus Gründen der verpflichtenden Moral.

Was aber kann man tun? In vielen Ratgeberbüchern steht, man solle sich aufschreiben, welche Ziele und Wünsche man hat und was man unternehmen will, um sie zu erreichen. Das ist auch richtig, wenn man Knappheit bewältigen will. „Ich will schuldenfrei werden, was muss ich tun.“ Aber man schreibe sich auch auf: Bei welchen Lebenssituationen fühle ich mich gleich wohl? Wo könnte ich überall gleich gut wohnen? Welche Jobs, welche Partner sind mir in etwa gleich angenehm? Welche Chancen brauche ich nicht wahrzunehmen, obwohl ich es könnte? Wo muss ich mir gar keine zusätzlichen Ziele bilden? Wo tue ich etwas „just for Fun“, ohne dass es Geld bringt oder sonst einen Nutzen hat? Wen und was kann ich ertragen, ohne dass es mich in meinen Grundfesten erschüttert?

Arbeiten wir an einer Kultur der Fülle. Weg mit den Puristen, die sagen, man bräuchte nicht so viele Brötchensorten. Auswahl ist Fülle. Weg mit den Lockvögeln, die rufen, wir müssten alle Chancen nutzen, nur weil sie da sind. Würden wir sie alle nutzen, hätten wir keine mehr übrig. Weg mit den Utopisten, die sagen, wir seien unvollkommen, weil wir nicht das ideale Leben leben. Der Mensch überlebt unvollkommen seit zehntausenden von Jahren.

Weg mit den Moralisten, die sagen, der Mensch müsste seine Leidenschaften bezwingen, um zur Tugend zu gelangen. Ohne Leidenschaften, gäbe es da Kinder, gäbe es Künstler und wäre das Leben lebenswert? Keiner ganzen Lehre eines Gurus und Ratgebers folgen. Sich nur einzelne Tipps in den Vorratsschrank des eigenen Lebens legen, die man brauchen kann ohne die eigene Freiheit zu verlieren. In die Natur schauen: Ein Apfelbaum lässt tausende von Blüten blühen, obwohl er die meisten für seine Äpfel gar nicht braucht. Vögel singen auch dann, wenn nicht Brunftzeit ist.