Die Suche nach dem Glück oder einfach nur leben?

Glück ist das höchste Gut und Ziel des Lebens. Sagt Aristoteles. Alles, was wir tun, tun wir nur um des Glückes wegen. Doch Vorsicht! Alle Ziele haben ihre Nachteile, auch und besonders das Lebensziel Glück. Wir wollen diesen Nachteilen einmal etwas ausführlicher nachgehen.

Gründe, warum das Ziel Glück unglücklich machen kann.

Alle Ziele haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie das Leben vom Selbstzweck in ein Mittel zum Zweck verwandeln. Mit der Folge: Der Mensch instrumentalisiert sich und beginnt, sich danach zu beurteilen, wie effizient er sich dem Ziel annähert. Das ist der Beginn aller Kämpfe gegen die Vielfalt des eigenen Selbst, eine Vielfalt, die nun plötzlich als „innerer Schweinehund“ beschimpft wird, wenn sie dem Ziel nicht dient. Meistens instrumentalisiert man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch seine Umwelt: Wie nützlich sind die anderen für das Ziel und wie können sie am besten dafür eingespannt werden?  Diese Instrumentalisierung findet auch beim Glück statt. Mit der Frage: Was macht mich glücklich? Aus einem Baum wird ein Schattenspender, aus einem Partner ein Instrument für die Erfüllung eigener erotischer Vorstellungen, aus der Arbeit ein Mittel zur Selbstverwirklichung.

Der nach vorne auf das Ziel gerichtete Blick verschließt den Blick auf das Rechts und Links, auf das Leben jetzt. Man läuft wie ein Wanderer mit einer Landkarte vor Augen durch eine herrliche Landschaft und nimmt nichts davon wahr. Aber die Liste der Nachteile ist noch nicht zu Ende: Ziele wie Glück oder Sinn sind nichts anderes, als geronnene Augenblicksvorstellungen von einem guten Leben. Diese Vorstellungen können aber morgen ganz anders aussehen. Besser als ein Zielmanagement des eigenen Glücks ist deshalb ein Chancenmanagement, das die jeweiligen Möglichkeiten (pragmatisch) nutzt. Auch kann man sich darauf konzentrieren, seine Fähigkeiten zu erweitern. Wer seine Sinne für gutes Essen und guten Wein übt, der erreicht das Glück aus dem Genießen von ganz allein.

Wenn man sich Glücksziele setzt, ist zu bedenken, dass man ohnehin schon viele andere Ziele verfolgt: Den Kindern soll es gut gehen oder der nächste Karriereschritt will vorbereitet sein. Ein zusätzliches Ziel „Glücklichsein“ macht die Sache also noch komplizierter, weitet den Anspruchsrahmen an das Leben aus und erhöht das Risiko des Scheiterns, so dass gerade aus dem Ziel Glück zusätzliche Unzufriedenheit entstehen kann. Und ganz sicher wird man unzufrieden sein, wenn man nicht nur nach mehr Freude in seinen Alltagsangelegenheiten sucht, sondern gleich nach dem Glück und dem Sinn des Lebens. Doch niemand hat bisher die blaue Blume oder das goldene Vlies entdeckt. Für unsere wichtigsten Schicksalsfragen haben wir keine Antwort. Wer damit nicht leben kann, den wird die vergebliche Suche nach dem „absoluten“ Glück tief unglücklich machen.

Mancher verbindet das Ziel Glück auch mit dem Ende von Leid. Niemand kann aber der Trauer und dem Leid entfliehen. Ein Glück ohne Leid und Trauer gibt es nicht, weil wir einen anfälligen Körper haben, weil wir in einem Raum des Nichtwissens leben, uns also fortlaufend im Glückswert unserer Bedürfnisse und Strebungen irren und weil wir mit anderen Menschen zusammenleben, die neben Glück auch Unglück mit sich bringen können. Was jedoch erreichbar ist: der Trauer und dem Leid im Leben nicht zu viel Spielraum einzuräumen und dafür umso mehr der Freude. Der Börsenberater würde sagen: Stopp Loss bei Verlusten und die Gewinne laufen lassen.

Der Mensch ist nicht beliebig änderbar

Besonders, wenn man sich persönliche Ziele setzt, steht dahinter oft die Annahme, man könne sich auch so verändern, dass das Ziel erreicht werden kann. Aber wie sehr kann sich der Mensch ändern? In gewisser Weise schon. Er hat eine gewisse „Plastizität“. Beim Jüngeren ist sie oft höher als beim Älteren. Andererseits, aus dem Schüchternen wird selten ein Partylöwe und aus dem eher pessimistischen Menschen selten ein Optimist. Wenn man sich Glück als Ziel setzt, wie realistisch ist es dann im Einzelfall und inwieweit entspricht es dem eigenen Weg? „Ich kann, ich will, ich werde“ und sich dabei auf die Brust zu trommeln, davon werden Trainer reich, aber ihre Klienten auf Dauer nur frustriert. Aber einmal jede Woche fünf Ereignisse aufzuschreiben, die Anlass zur Freude und Dankbarkeit gaben, kann ein realistischer Weg sein, die Freudepotenziale im eigenen Leben mehr wahrzunehmen und zu suchen.

Lässt das Glücksziel den Alltag schäbig erscheinen?

Unglück stiftend ist auch, wenn der Traum vom Glück den Alltag schäbig erscheinen lässt. Goethe: „Es ist immer ein Unglück, wenn der Mensch veranlasst wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht verbinden kann.“ Das ganze Leben besteht im Grunde genommen aus Alltäglichkeiten, aus Zähne putzen, Abend essen, einkaufen, ein Kundengespräch führen, Kinder bei den Schulaufgaben helfen usw. Wenn man sein Glücklichsein verbessern will, konzentriert man sich am besten auf diese Aufgaben. Wie kann man sie gestalten, damit sie mehr Freude bringen, Genuss beim Essen, ein dankbares Lächeln des anderen. Nietzsche schrieb: „Wir müssen gute Nachbarn der nächsten Dinge werden.“ Man erwarte aber nicht, dass dies bei allen Tätigkeiten möglich ist. Unerlässlich ist eben auch vieles, was entweder gar keine Gefühle auslöst oder getan werden muss, obwohl wir uns schlecht dabei fühlen. Erreichbar aber ist, einige Tätigkeiten mit einem traurigen oder gleichgültigen Smiley in solche mit einem lachenden Smiley zu verwandeln.

Ist Glück nicht das Ziel, sondern der Lohn?

Braucht es überhaupt eines expliziten Ziels Glück oder kann es sein, dass Glück ganz automatisch entsteht, wenn man in einer bestimmten Weise lebt und handelt? Ist Glück nicht das Ziel, sondern der Lohn? Wir lieben einen Menschen doch nicht, um glücklich zu sein, sondern wir lieben ihn und sind dadurch glücklich. Wir verrichten eine bestimmte Arbeit meist nicht, um glücklich zu sein, sondern wir verrichten diese Arbeit und wenn sie uns gelingt, werden wir dabei glücklich. Nietzsche schrieb: „Ich will nicht das Glück, ich will das Werk.“ Wer sich in seiner Arbeit selbst vergisst, der erlebt den „Flow“, davon ist der amerikanische Psychologe und Glücksforscher Czsikzentmihaly überzeugt. Wir können noch einen Schritt weitergehen und fragen: Entsteht nicht erst das ganze Unglück daraus, dass wir am Leben dauernd etwas verbessern wollen und es nicht einfach nur leben? Koheleth, Prediger zu Zeiten Salomons, schrieb: „Alles ist eitel, also ist nichts Besseres zu tun als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben.“ Kierkegaard schreibt: „Man bleibe bei seiner eigenen Banalität, seiner Kontingenz und Vergänglichkeit. Man verzichte auf die Hoffnung eines besseren oder gesteigerten Lebens, auf das ‚ganz andere‘ und wird eben dadurch zum Souverän seines Lebens.“ Aber: Wer den Lebensgütern nur Distanz und innere Gelassenheit entgegenbringt, kann er sie genießen, die Welt verändern, das Leid mindern? Der Hirnforscher Damasio sagt: „Es gibt einfach keine Alternative zu dem Glauben, dass wir etwas bewegen können.“

Fünf Lebensgüter, die Glück stiften

Das Ziel Glück hat eine positive Funktion, wenn es zu der Frage führt: Welche Lebensgüter und Tätigkeiten sind mehr geeignet, Freude und Glücklichsein zu stiften und welche weniger? Das Ziel hilft, den besseren Glückspfad in seinem Leben zu finden. Hirnforscher, Philosophen und Glücks­forscher sind sich ziemlich einig, dass hohe Glückspotenziale in folgenden fünf Lebensgütern liegen: das Leben genießen, Erfüllung in einer Aufgabe finden, qualitätsvolle Bezie­hungen und Liebe, seine persönlichen Werte leben zu können und Spiritualität. Weniger relevant für das Glück: Reichtum, Gesundheit, Bildung. Nun, auf dem richtigen Weg kann man das Ziel wieder vergessen und sich darauf konzentrieren, die Glückschancen zu nutzen und seine Fähigkeiten für sie zu erweitern.

Erfolg und Glück verbinden

Aber meistens fragt man uns nicht nach unserer Freude und unserem Glück, sondern nach unserem Erfolg. Kann man sie verbinden? Nehmen wir das einfache Beispiel „Essen“: Weniger Sorgen entstehen, wenn man sich gemäß seines Erfolgsziels „Gesundheit“ oder „Abnehmen“ richtig ernährt, also etwa fünf Mal am Tag Obst, zwei Liter Flüssigkeit, gut kauen … Freude entsteht dagegen an einem schön gedeckten Tisch, Speisen in Geselligkeit, Musik im Hintergrund … Das Streben nach Glück führt also dazu, bei den sich meist in den Vordergrund drängenden Erfolgszielen auch die Potenziale der Freude wahrzunehmen. Fast immer sind dabei unterschiedliche Maßnahmen notwendig, wie wir am Beispiel des Essens gesehen haben. Nehmen wir ein weiteres Beispiel: die Vorbereitung einer Konferenz. Weniger Sorgen, mehr Erfolg: gute Vorbereitung, Taktik, multimediale Präsentation … Mehr Freude: Angenehme Umgebung, ein Scherz zwischen den Ausführungen, Lob, Small Talk über Fußball oder Anderes am Kaffeeautomaten. Viel öfter als man vielleicht denkt, kann man beide Ziele miteinander verbinden.

Ein Lob der Unvollkommenheit

Hieraus soll nun aber nicht neben dem Erfolgszwang ein neuer Zwang zur Freude entstehen („be happy“, der Glücksterror des immer nur Lächelns). Die Liebe zum unvollkommenen Leben erscheint geradezu als notwendige Basis zu einem glücklichen Leben. Erinnern wir uns an die Geschichte von Odysseus, den es mit seinen Gefährten auf die Insel der Göttin Kalypso verschlug. Kalypso wünscht sich Odysseus zum Gemahl. Sie versucht ihn zum Bleiben zu überreden, indem sie ihm Unsterblichkeit anbietet, sich selbst – zu ihrem Vorteil – mit Penelope vergleicht und ihm die Leiden, die ihm auf der Heimfahrt drohen, vorhersagt. „Zürne mir deshalb nicht, ehrwürdige Göttin“, antwortet ihr Odysseus: „Ich weiß es selbst zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet, denn sie ist nur Sterblichkeit und dich schmückt ewige Jugend. Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen, wieder nach Hause zu gehen und schauen den Tag der Zurückkunft.“ Odysseus, dem der Glückstraum der ganzen Menschheit zum Greifen nahe ist, Unsterblichkeit, ewige Jugend, dauernde Freude, unversiegbare Lust, wählt stattdessen das ganze menschliche Paket: Sterblichkeit, Gefahr, Risiko, Schmerz, eine nicht perfekte und sterbliche Frau, die er liebt.