Die Stadt als Kontaktstadt

Café la Chance

Ein überdachter runder Marktplatz. Mitten drin gibt es Tische, Stühle, Sofas. Man kann essen und trinken. Eine große Leinwand mit Nachrichten aus der Stadt und ihren Aktivitätsangeboten, Bürgerprojekten, Bildung, Kultur, Freizeit. Rund um den Marktplatz das Bürgerbüro, die Freiwilligenagentur für ehrenamtliche Arbeit, eine Informationsstelle des Arbeitsamtes, ein Vermittlungsbüro für Bürger-zu-Bürger-Tauscharbeit, Car Sharing und die Mitwohnzentrale, eine Konsumentenberatung, Informationsstellen über die örtlichen Vereine, Selbsthilfegruppen und Wohlfahrtseinrichtungen. Ein Kiosk, ein paar kleine Läden. In jeder Tischplatte des Cafés ist ein Tablett-Bildschirm integriert. So kann man sich weitergehend informieren oder mit anderen chatten. Man kann den anderen Tischen eine Mitteilung oder eine Frage senden, beispielsweise: „Hat jemand Lust, mit mir heute Abend ins Theater zu gehen?“

Die Besucher des Café La Chance unterscheiden sich je nach Tageszeit. Morgens mehr Rentner, die (virtuelle) Zeitungen lesen, in der Mittagszeit mehr Berufstätige, die Pause machen, nachmittags Studenten mit ihren Notebooks und Einkaufende mit ihren Tüten. Es gibt eine Bühne, auf der Arbeitsangebote und Mitmachprojekte aufgerufen werden oder Vereine über ihre Arbeit informieren, Diskussionen oder Lesungen stattfinden oder eine Band zum Tanzen auffordert. Es ist immer etwas los im Café la Chance. Es ist einer der Marktplätze der neuen Kontaktgesellschaft.

1.     Straßen und Plätze

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 haben Public-Viewing-Bildschirme Plätze in Orte verwandelt, bei denen jeder mit jedem feierte und sich Unbekannte in den Armen lagen. Man denke auch an das legendäre Woodstock-Festival, bei dem Tausende das damalige Chaos durch spontane Organisation bewältigt haben.

Große und kleine Feste vereinen Junge und Alte, Einheimische und Zugezogene. Das enge Beieinanderstehen, die Sitzbänke, die Schlange beim Würstchenstand, die Musik, all das macht auch für den Schüchternen den Kontakt leichter. Dutzende von Bekanntschaften, Freundschaften und Partnerschaften entstanden so.

Nun kann man nicht immer große Feste veranstalten. Jeden Tag aber kann man sich treffen auf den Plätzen einer Stadt. Einfach auf jedem Platz ein paar Sitzgelegenheiten aufzustellen, das reicht aber als Anreiz nicht aus. Eltern mit kleinen Kindern brauchen den Spiel- und Abenteuerspielplatz, Rentner und andere Menschen mit Zeit einen Platz für Boule- und andere Spiele, Jugendliche einen Platz, auf dem es auch mal lauter zugehen kann oder auf dem sie skaten oder Beachvolleyball spielen können. Es kann einen Platz geben, auf denen Nachwuchsbands oder Kleinkünstler sich präsentieren, einen anderen, auf dem es Grillstätten gibt, einen dritten, auf dem sich Obdachlose ohne Anfeindungen treffen können. Plätze, die sich als Ausgangsort für Wanderungen, Fahrrad- und Motorradausflüge eingebürgert haben, Orte, an denen sich Liebespaare gerne treffen, See- oder Flussufer zum Sonnen, Chillen oder für Hausaufgaben mit dem Notebook. Für Unentschlossene eine Kontakthaltestelle ähnlich einer Bushaltestelle, an der sich die treffen, die gerne angesprochen werden wollen. Ein grüner Kontaktbutton? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, auch nicht der Kombination. In Freiburg gibt es einen Kirchplatz, auf dem sich Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Spielplatz treffen, die Sonnenhungrigen sich bräunen, Rentner das Geschehen von Bänken aus beobachten und Obdachlose sich aufhalten können. Außerdem gibt es dort einen ökologischen Wochenmarkt, einmal im Monat einen Trödelmarkt und Veranstaltungen, bei denen die Stadtteilgruppen mit Essensständen und Informationsgesprächen einladen.

In meiner Heimatstadt gibt es viele solcher Treffpunkte, beispielsweise die Freiburger Markthalle. In ihrem Zentrum eine Champagner-Bar, aus der schon manche zu zweit nach Hause gingen, die allein gekommen waren, drum herum Stände mit Gerichten aus aller Welt. Am Wochenende Musik- und Tanzveranstaltungen.

Anregende Beispiele sind auch die Parks in chinesischen Städten. Überall gibt es dort, für jeden offen, Gymnastik- und Tanzgruppen. Einer bringt ein tragbares Musikgerät mit, und los geht’s, vom Walzer bis Qigong. Oder die „stadtlounge“ in St. Gallen (sanktgallen.ch/stadtlounge), das größte öffentliche Wohnzimmer der Schweiz. Die Multimediakünstlerin Pipilotti Rist und der Rheintaler Architekt Carlos Martinez haben aus einem unpersönlichen Platz eine Zone des Verweilens und Begegnens geschaffen. Der Raum wurde dabei in Zonen eingeteilt: in einen Empfang, eine Entspannungs-Lounge, ein Café, eine Business-Lounge, eine Foyer-Fläche und in einen Skulpturenpark samt Leseecke. Ein einheitlicher, ins Auge stechender roter, weicher Belag gibt zu verstehen: Hier betrittst du das städtische Wohnzimmer.

Baute man nach dem Krieg Straßen und Bürgersteige in den Städten nur zu dem Zweck, von einer Stelle zur anderen zu gehen oder zu fahren, so gibt es heute mehr verkehrsberuhigte Zonen und neu angelegte Plätze mit Cafétischen, Straßenmusikern und Bänken zum Verweilen.

Aber das muss nicht das Ende der Fantasie sein. Wenn schon Verkehrsberuhigung: Die sonst für die Einwohner „unsichtbaren“ Einrichtungen der Stadt könnten die Straßen und Fußgängerzonen mehr für ihre Selbstdarstellung nutzen. Warum zum Beispiel nicht Freilicht-Kostproben der aktuellen Theateraufführung? Warum nicht dort, wo es möglich ist, kleine Ensembles aus Zelten, in denen man spontan sich mit einer Schultermassage verwöhnen lassen oder mit anderen zusammen Spiele spielen oder an einer Diskussionsrunde teilnehmen kann?

Online-Shopping führt immer mehr zu einer Ausdünnung der Geschäfte. An ihre Stelle treten Cafés, Restaurants und andere Freizeiteinrichtungen. Sind wir auf dem Weg von der Einkaufsstadt zur Freizeitstadt mit vielen Begegnungschancen?

2. Cafés und andere „Dritte Orte“

 In einer Single-Gesellschaft und einer mobilen Notebook-Berufswelt können sich Cafés und andere Gastronomie neu definieren: Als Dritten Ort zwischen Arbeitsplatz und Wohnung, Meeting-Raum, als einen Ort, an dem Arbeit und Freizeit ineinander übergehen (Friebe & Lobo, 2006). Es wäre eine Renaissance der Wiener Kaffeehäuser, in denen Schriftsteller an ihren Romanen schrieben und Immobilienmakler mit ihren Karteikästchen Wohnungen vermittelten und sich politische und kulturelle Gruppen zur Absprache ihrer Projekte trafen. Ein berühmtes Beispiel auch: das Café de Flore in Paris, in dem Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir residierten und an ihren Manuskripten schrieben. 

Was ist ein gastronomischer Betrieb? Ein Ort, an dem es Tische und Stühle gibt und an dem man essen und trinken kann. Ist man mutig, kann man andere ansprechen, ob man sich zu ihnen setzen darf. Aber wer macht das schon? Was kann man tun, um die Kontaktchancen zu verbessern? Größere Tische für sechs bis zwölf Personen, Sofalandschaften, eine große Theke. Das erleichtert es schon einmal, sich dazuzusetzen und seinen Nachbarn anzusprechen. Tanzveranstaltungen von Salsa bis Tango. Würfelspiele, Kartenspiele, Computerspiele, Dartscheiben oder Billard-Tische regen spontane Gruppenbildung an. Veranstaltungen wie Schachmeisterschaften, Lesungen, Kleinkunst, After-Work-Partys füllen das Lokal. Je voller es ist, umso leichter fällt es, seinen Nachbarn anzusprechen.

Andere Möglichkeiten zur Kontakterleichterung: Wer allein in ein Lokal kommt, kann an der Theke eine Rot-Grün-Ampel bekommen, die er auf seinen Tisch stellen kann. Grün bedeutet: Man darf sich gerne dazu setzen. Oder mit einem Schild versehen, z.B. Lust auf ein Gespräch über Politik oder Kultur oder Schule? Rot heißt: Ich will nicht gestört werden.

Auch für Gruppen kann man das Gruppenerlebnis steigern. Statt, dass jeder nur von seinem Teller isst, auf der Speisekarte mehr Fondue, Raclettes anbieten oder Tische, in denen eine Grillplatte eingebaut ist. Da gibt es so viel Abstimmen und sich gegenseitig die Zutaten reichen, dass ein unterhaltsamer Abend fast wie von selbst entsteht.

Man kann Cafés, Bibliotheken und andere „Dritte Orte“ so gestalten, dass man lieber dort ab und zu seine Arbeiten und Aufgaben verrichtet als allein und isoliert in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Büro. Co-Working und Repair – Cafés breiten sich aus. In meiner Heimatstadt Freiburg wurde eine alte Lockhalle in einem Kreativpark umgewidmet für Startups und Freelancer, einem Ort des Lernens und Teilens, für neue Ideen, gewagte Experimente, für Diskussion und Kollaboration (Grünhof Gründungskultur, 2018).

Andere Beispiele: Eltern-Kind-Lokale mit Sofas und gemütlichen Ecken zum Klönen, Mal- und Spielmöglichkeiten für die Kinder, Wickeltische, Babynahrung und Fachzeitschriften. Atelier-Cafés mit Ausstellungsflächen, Bilderverkauf und: man kann dem Maler bei seiner Arbeit zusehen. Hausaufgabenstuben, Strick- und Näh-Cafés. Die Verbindung von Café mit einer Dienstleistung: Tattoo-Café, Friseur-Café, Seminar-Café, Massage- und Wellness-Café.

Der grundsätzliche Gedanke des öffentlichen Wohnzimmers, Spielzimmers, Ruhezimmers, Arbeitszimmers macht aus Cafés und Restaurants Orte der Aktivität und des Kontaktes. Neben der Wohnung als „First Place“ und dem Arbeitsplatz als „Second Place“ werden sie als „Third Place“ zu einem sozialen Zuhause. Man kann dort mit Menschen zusammen etwas tun, die man sonst nie getroffen hätte. Es wird Unterhaltung und Ambiente geboten. Arbeits-Ressourcen sind verfügbar. Wer die Dritten Räume regelmäßig besucht, schafft sich eine neue Zugehörigkeit (Oldenburg, 1989).

Der US-amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg, der den Begriff „Third Places“ erfand, stellte fest, dass Amerikaner ihre Zeit fast nur noch damit verbringen, zwischen dem Arbeitsplatz, den Einkaufszentren und ihrer Wohnung zu pendeln. Dabei ginge das für das soziale und psychische Wohlbefinden so wichtige Gemeinschaftsleben verloren. Man müsse daher Einrichtungen zwischen Wohnung und Arbeitsplatz wieder mit mehr sozialem Leben füllen. Die Idee ist nicht auf Cafés und Restaurants beschränkt. Sie zielt ebenso auf Geschäfte, Buchhandlungen, Straßen, Plätze, Museen, Bibliotheken.

Dieser Gedanke hat einige Früchte getragen. Das Museumsufer in Frankfurt oder die Kunstachse in Düsseldorf sind Beispiele für neue Kultur-Cluster sozialer kultureller Gemeinschaft mit Vernissagen, kreativen Kursen, Cafés, Konzert- und anderen Veranstaltungen.

In die gleiche Richtung zielen die überaus erfolgreichen Museums- und Galerienächte mit einer Fülle von Ereignissen und Begegnungen. Man kann den Gedanken noch erweitern: Spezielle Treffpunkte in der Stadt für Tanzbegeisterte, die dort tanzen; Treffpunkte für Singles, die Kontakt suchen; einen Ort wie der Speakers Corner im Hyde Park von London, an dem jeder seine Meinung auf einem Podium kundtun kann, mit Informationstafeln über ergänzende Veranstaltungen.

3. Private Haushalte

Im 18./19. Jahrhundert waren Bürgersalons berühmt, in denen sich Adel und Bürger, Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle trafen und über ein Thema debattierten. Gerade auf die Mischung der Unterschiedlichen kam es dabei an. Berühmt die Salons der Madame Roland oder der Madame de Stael, in deren Salon weite Teile der ersten Verfassung der Französischen Republik geschrieben wurden.

Bürgersalons erleben eine Renaissance. Beispielsweise öffneten im Rahmen des Lübecker Stadtprojekts  „Mensch-Bürger“ sechs Bürger-Salons ihre Pforten. Ihr erstes Thema: Bildung. Andere Beispiele: Bürger verabreden sich zu gemeinsamen Essen abwechselnd in den Wohnungen der Teilnehmer oder sie veranstalten in ihren Wohnungen Lesungen.

Immer, wenn ich Griechenland besuche, fällt mir auf, wie oft dort noch Privatleben und Beruf an einem Ort stattfinden. Die kleinen Tavernen und Geschäfte: Im gleichen Haus, oft direkt hinter oder über dem Gastraum, die Wohnung. Am Stammtisch sieht man tagsüber die Kinder ihre Hausaufgaben machen.

Auch bei uns könnte man Wohnen und Arbeiten wieder enger verzahnen: beispielsweise der Lehrer, der zu Hause Nachhilfeunterricht gibt; die Friseurin, die Haare schneidet, in der eigenen Wohnung oder indem sie ihre Kunden in deren Wohnung besucht,  das Home-Office der Telearbeiter, die an das Intranet ihrer Firma angeschlossen sind; Eltern, die sich in der Hausaufgabenbetreuung ihrer Kinder abwechseln. Warum nicht die Welt wieder mehr in die eigene Wohnung holen? 

Mehr in der Familie zusammentun, den Haushalt für Freunde und Gleichgesinnte öffnen, schauen, inwieweit man dort auch (zusätzlich) beruflich arbeiten kann, eine Steigerung gibt es noch: Zusammen mit anderen in Wohngemeinschaften zu leben. Das kennt mancher aus seiner Studentenzeit. Eine neue Brisanz gewinnt das Thema im Alter. Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf ist bekannt geworden mit seinem Plädoyer für gemeinsames Wohnen im Alter. Es ist eine Alternative zu Einsamkeit oder dem Leben in einem Seniorenheim und bietet beides: Rückzugsraum (den eigenen Wohnbereich) und Gemeinschaft (Gemeinschaftsräume, Küche, Garten…).

4.     Häuser und Quartiere

Hochhausklötze oder Häuser, die sich an einer Straße entlang aufreihen, so etwas fördert nicht gerade Kontakte und gemeinsame Tätigkeiten zwischen den Bewohnern. Die Anonymität von immer größer werdenden Städten zu überwinden, bewegt Architekten und Stadtplaner. Unter Stichworten wie „die soziale Stadt“ oder „Quartiermanagement“ geht es um Ansätze, die von gemeinschafts- und kinderfreundlichen Wohnungsgrundrissen bis zum gemeinschaftsfördernden Ensemble der Gebäude reichen. Der Marktplatz gilt dabei als Vorbild. Die Anordnung der Häuser um einen Platz, in einem Carré oder die Verdichtung vom Häusergruppen zu einem kleinen Dorf oder einer kleinen Stadt in der Stadt, zu einem Quartier mit einem eigenständigen Charakter und eigener Lebensqualität. Vorhalten von Geschäften, Behörden, Cafés und Restaurants, Co-Working- und Co-Living-Einrichtungen, Kinderspielplatz, Kindergarten, Altenbegegnungsstätte, Beteiligung der Bewohner an der Gestaltung ihres Quartiers.

Der gleiche Gedanke auch bei den immer zahlreicher werdenden Mehrgenerationen-Häusern. Jeder hat hier, wie in einer anderen Miets- oder Eigentumswohnungsanlage, seine eigene Wohnung und kann es dabei belassen. Er kann aber auch, ohne dass er es muss, auf den willkommenen Austausch mit anderen und auf die gegenseitige Hilfe zurückgreifen nach dem Motto: Oma und Opa passen auf die Kinder auf und helfen bei den Schulaufgaben, die jungen Berufstätigen revanchieren sich mit Einkaufen und anderen Diensten und man trifft sich zum Gespräch und Feiern mal beim einen, mal beim anderen. Dazu gibt es noch Gemeinschaftsräume, offener Babytreff, ein Treffpunkt-Café und ambulante Dienste.

 Auch die Eigentümer wie Wohnungsbaugenossenschaften und Bauträger erkennen mehr und mehr, dass es heute mehr braucht als Wohnungen nur zu vermieten und einen Hausmeister anzustellen. Man kann beispielsweise Mieter auch danach auswählen, inwieweit sie über sich ergänzende Kenntnisse und Fertigkeiten aus Beruf und Privatleben verfügen (Handwerker, Kaufleute, Lehrer…), die sie untereinander austauschen können, und dazu im Quartierbüro eine kleine Vermittlungsstelle einrichten oder eine Nachbarschaftsseite/App im Internet. Auch aus Gründen der Energieeinsparung und des Umweltschutzes gewinnen solche gemischten Wohnensembles mit einem vielfältigen Angebot der kurzen Wege und der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen bis hin zum dezentralen Kraftwerk an Bedeutung.