Helmut  Saiger: Wenn es um Zukunft geht ...

 

1. Sind wir atomisiert?

 

Herzenskälte, Einsamkeit, der Triumpf des Egoismus, Armut an Zeit, Depressionen nehmen seit Jahren zu. Man kann sich fragen, ob es je eine Gesellschaft gab, in der so wenig Gemeinschaft war und in der die sozialen Beziehungen so anfällig und wenig nachhaltig waren. Es gab zwar noch nie so viele Kontaktchancen wie heute, sei dies über Szenelokale, in denen sich Gleichgesinnte treffen oder sei dies über die sozialen Netze des Internets, Kontaktchancen aber, aus denen eher selten tiefere Beziehungen und gemeinsame Unternehmungen entstehen. Hat der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam recht, der sagt, dass Solidarität und Sozialität in den westlichen Demokratien längst verschwunden seien (Putman 2000)? 

 

Was zerstört Gemeinschaften? Einsamkeit und Atomisierung von Gemeinschaft findet man vor allem in den Kulturen, in denen der Wirtschaftssektor, Wirtschaftswachstum und wirtschaftlicher Status eine große Rolle spielen und wirtschaftliche Werte zu Werten der ganzen Gesellschaft geworden sind. Wenn Gewinndenken (was bringt mir der andere?), Marktwertdenken (welchen „Marktwert“ habe ich bei der Suche nach dem anderen?), Wirtschaftlichkeits- und Kostendenken (wäre ein anderer Partner oder Freund nicht noch ertragreicher für mich?) zu den vorherrschenden Werten werden, dann ist es kein Wunder, wenn Herzenskälte und Einsamkeit entstehen.

 

Wirtschaft beherrscht aber heute nicht nur die Herzen. Sie beherrscht auch die Zeit. Die Forderung nach beruflicher Mobilität, Jobwechsel, Ortswechsel, flexiblen Arbeitszeiten, dauernde Verfügbarkeit am Smartphone, machen Verabredungen, länger andauernde Beziehungs- und Freundesnetze, ja sogar das gemeinsame Essen am häuslichen Tisch oft unmöglich.

 

Die Verbindung von sozialem Status mit wirtschaftlichem Status bedeutet, dass für das Herbeischaffen des dafür nötigen Einkommens viel Zeit und Energie verzehrt wird. Für Liebe und Zuwendung und soziale Beziehungen steht dann nicht mehr viel zur Verfügung. Da ist es umso frustrierender, wenn einer mit Einkommen und einer schönen Wohnung, der Finanzierbarkeit mehrerer Jahresurlaube und sonstiger Kulisse ja gerade erreichen will, dass er mehr geliebt und geschätzt wird.

 

Eine weitere Beziehung zwischen Wirtschaft und seelischer Einsamkeit liegt im erlernten Konsumdenken. Etwas einzukaufen ist bequemer als selbst (mit anderen) etwas zu tun und sich dabei mit ihren Stärken und Schwächen beschäftigen zu müssen. Mit den seelischen Problemen der Kassiererin im Ladengeschäft muss man sich nicht auseinandersetzen, ja man muss sie nicht einmal grüßen.

 

Dieses Komfortdenken ist in den sozialen Raum übergeschwappt. Man möchte soziale Beziehungen möglichst bequem. Hat das Kind Probleme in der Schule, schickt man es zum Nachhilfeunterricht. Fühlt man sich einsam, auf ins Internet oder ans Smartphone, ein bisschen chatten, da kann man sich ja jederzeit wieder ausklicken! Macht der neue Freund Probleme, es gibt ja so viele Alternativen auf dem Beziehungsmarkt. Wieso selbst kochen mit anderen, ausgehen zum Italiener ist einfacher! Statt die Verbindlichkeit von Freundschaften einzugehen, lieber auf zum angesagten Club oder einem anderen Gleichgesinnten-Kreis. Niemand verlangt dort, dass man mehr investiert als einen Beitrag zum gemeinsamen Interesse und etwas Höflichkeit, im Gegenteil, dort mit eigenen Problemen zu nerven, ist verpönt. Bequeme Zweckbeziehungen sind aber auch nur entsprechend oberflächlich. Nicht umsonst klagt manch eifriger Partygänger, dass alles „so hohl“ sei. Man kann es drehen und wenden wie man will: Befriedigende und nachhaltige Beziehungen gibt es nicht ohne zeitlichen Aufwand und Auseinandersetzung mit dem anderen. 

 

Auch wenn man vom Sozialstaat und von Arbeitsberatern, Ärzten, Therapeuten, Schulpsychologen und Ratgeber-Literatur die Lösung aller seiner Probleme erwartet, hat dies zur Konsequenz, dass auf persönliche soziale Netze und Gemeinschaften der gegenseitigen Unterstützung, Hilfe und Solidarität weniger Wert gelegt wird und man sie daher oft verkümmern lässt.

 

Einsamkeit kann auch aus einer Überschätzung des Glücks aus individueller Selbstverwirklichung entstehen. Persönliche Freiheit und die eigenen Bedürfnisse an den anderen sind dabei oft wichtiger als soziale Verbindlichkeit. Man muss sich nur einmal Kontaktanzeigen ansehen. Deren Anforderungskatalog an kulturellen Interessen, Fertigkeiten, Aussehen, Achtsamkeit, Sinnlichkeit usw. sind oft länger als die bei einer Stellenanzeige für eine gesuchte Führungskraft.

 

Ob es vegane Ernährung ist, ob Eintreten für Flüchtlinge, ob rechtsgerichtete Bewegungen, Gruppen ziehen immer engere Grenzen zu denen, die nicht ihre Werte teilen. Fundamentalistsche Überzeugungen und moralische Arroganz spalten bis in die Familien hinein.

 

Statt „unser Glück“ und Zusammenhalt, immer mehr „mein Glück.“ Ich als Selbstoptimierer, ich als „Ich-AG“, ich als „Gesamtkunstwerk“. Ich als ein möglichst Attraktiver mit vielen Clicks in den sozialen Netzwerken. Das narzisstische Ich zählt, nicht die Gemeinschaft, und wenn, nur die Gemeinschaft, die aus Ich-Gleichgesinnten besteht. Wenn aber alle nur „Ich“ sagen, wo bleibt dann das „Du?“

 

Was wir heute haben: Eine vom Wir entleerte Gesellschaft, in der Komfortdenken, Nutzenkalkül, moralische Überheblichkeit und Ego-Orientierung den sozialen Raum beherrschen. Defizite an sozialen Gütern werden durch Konsumgüter kompensiert.

Wirtschaft, Versorgungsstaat und das Unterhaltungs- und Kontaktangebot der Medien haben uns wunderbar von den eigenen Mühen befreit. Wer wollte noch darauf verzichten? Aber so entlastet, ist eben auch eine große (Kontakt-)Leere entstanden. Alle reden davon, wir müssten die natürliche Umwelt wiederbeleben und vor Zerstörung bewahren. Wer aber redet von der Wiederbelebung der sozialen Umwelt?

 

 

Gliederung

 

 

I. Sind wir, was Zusammenhalt und Miteinander angeht, zum Entwicklungsland geworden?

 

1. Sind wir atomisiert?

2. Einsamkeit und Angst

3. Warum sind soziale Kontakte so wichtig?

4. Sind wir schon auf einem guten Weg?

 

II. Die persönlichen Kontaktnetze reicher gestalten

 

1. Wie viel „Kulisse“ brauchen Kontakte?

2. Soziale Güter vermehren sich durch ihre Nutzung

3. Braucht es ein Ministerium gegen Einsamkeit?

4. Empathie

5. Geht es ohne Konflikte?

6. Geht es um glücklich machen?

7. Übertriebene Erwartungen, Belastbarkeit

8. Ohne Vertrauen in andere geht es nicht

9.  Für jedes Bedürfnis eine Gruppe?

10. Keine Zeit für Kontakte?

11. Warum man sich vom Arzt Zuwendung wünscht

12. Wie viele soziale Güter braucht der Mensch?

13. Zusammenfassung

 

III. Die Stadt der Kontakte

 

1. Straßen und Plätze

2. Cafés und andere „Dritte Orte“

3. Private Haushalte

4. Häuser und Quartiere

5. Die Stadt als virtueller Kontaktraum - ein Blick in die Zukunft

 

IV. Die Kontaktgesellschaft als Tätigkeitsgesellschaft

 

1. Zählt nur Erwerbsarbeit?

2. Eigenarbeit und Kooperation zwischen privaten Haushalten

3. Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement

4. Gemischte Leistungsketten aus Bürgern und Organisationen

5. Share- und Tauschgemeinschaften

6. Gleichgesinnten-Kreise

7. Hilfenetze

 

V. Was macht die Kontaktgesellschaft aus?

 

1. Lieber gut leben statt viel haben

2. Zusammenhalt: Die Balance zwischen „Ich“ und „Wir“

3. Woraus entsteht Wohlfühlstand?

4. Schafft Maximieren mehr Wohlfühlstand?

5. Konturen einer neuen Kontaktgesellschaft

 

VI. Ein neuer Vertrag zwischen unvollkommenen Menschen?

 

1. Die Geschichte von Odysseus und Kalypso

2. Widersprüchliche Eigenschaften

3. Träume und Ideale - nie erreichbar?

4. Die Offenheit des Menschen – Sind wir Fremdgeher?

5. Die genetische und kulturelle Prägung – wie frei sind wir wirklich?

6. Keine Lösung taugt für alle Fälle

7. Ein Lob der Unvollkommenheit

 

Thesen

Literaturverzeichnis