Quer-Gedanken, Kurzzeiler, Geschichten

Das Normale

Das Normale ist das eigentliche Überraschende. Denn es ist kaum fassbar, dass das meiste funktioniert bei so viel Nichtwissen.

Besserer Mensch?

Philosophen, Psychotherapeuten, Lehrer zeigen sie sich als bessere Menschen? Mit all dem Wissen und der Tugend im Kopf  – müssten sie es doch sein. Brutale Empirie: Sie sind es meistens nicht, nicht erkennbar unterschiedliches Verhalten wie das von anderen, ihre Scheidungsquote oft höher. „Da brat mir doch einer einen Storch“, dachte sich Tom. Wozu war die gute Bildung denn gut?

Tod

Das Schlimmste am Tod ist, dass man Trauer-Ursache ist.

Diskussion

Was ist aller Diskussionen Lohn? Neue Fragen nur! Und warum ist jeder dann gefrustet? Weil er denkt: Ich habe die Antwort doch gewusst! Warum sind die anderen nur so blöd, wenn’s sich um die Wahrheit dreht.

Denken

Der Mensch, sehr stolz auf sein Denken ist. Denn: „Ich denke, also bin ich.“ Aber, wenn der Mensch wirklich glücklich ist, von einer Aufgabe gefangen ist, im Spiel mit Tochter oder Sohn, selbst Kind wieder ist, dann denkt er nicht.

Geist

Geist sagt, was erreicht werden soll. Körper sagt, was er davon mag. Geist sagt, ich bestimme. Da lacht der Körper nur.

Gurus

Verbandsparole aller Gurus: Ihr seid im Unglück, wir haben die Lösung.

Happy

Wenn man von einem Sinn des Lebens ausgeht, bedeutet sein Verfehlen Sinnlosigkeit. Und trotzdem geht das Leben happy weiter. Es scheint sich nicht um Sinn zu kümmern.

Paradies

Das Dumme am Paradies und Nirwana ist, dass man dann nur noch Geist ist.

Kulturbürger

Im Theater besuchte er, ein Stück von Aischylos. In der Pause, einen Drang ganz sehr, hatte er. Er fand die Theater-Toilette sehr verschissen vor.

Er besuchte eine renommierte Ambiente-Messe. Für Innenarchitekten, Designer und andere Ästheten war sie da. In der Messe-Toilette, ein See von Pisse war.

Macht Kultur so viel Druck auf Nicht-Kultur-Gebaren?

Körper und Geist

Wer sich nach Geistes Erhellung sehnt, bei Hegel, Heidegger & Co. Wer nach Gutem und schönem und nach mehr Erkenntnis strebt, auch der lebt meist erst richtig auf, wenn es sich ums Vögeln dreht.

Alleine sein

Alleine sein, ist alles in einem sein. Doch besser ist es, zu zweit zu sein. Nur der Zweite, er soll auch nice sein. Sonst lieber, alles in einem sein. Oder nicht oder doch?

Bauch

„Ich habe einen Bauch“, sagt er. „Ich auch“, sagt sie. „Oh, ist das Alter schön“, sagten sie beide.

Widersprüchlich

Wären die Menschen nicht widersprüchlich, könnten sie nicht widersprüchliche Situationen meistern.

Internet-Partner

Getrennt hatte sich Tom von der ersten aus Suhr. All die vielen Konzerte und Reisen und Kerzen und Feste und kulinarischen Speisen, Sofa seufzte er nur.

Es mailte aus München die zweite: Frühstücken wollte ich gerne mit dir, du kunstsinniger Mann. München ist mir zum Kommen zu weit, antwortete er ihr.

Ich konnte dich nicht anrufen, ich war eine Woche fort, simste die Dritte, die gerne lachte und ihren Spaß mit ihm hatte. Aber jetzt bin ich wieder hier!

Und ich bin weg, simste er ihr, und genoss alleine sein Bier.

Regenbogen

Ich bin nicht das tiefste Blau, nicht das saftigste Grün, nicht das sonnen-leuchtendste Gelb, nicht das unschuldige Weiß, habe von allen Farben aber, bin wie der Regenbogen.

Ich bin nicht der Klügste, nicht der Schönste, nicht der Reichste, nicht der Mächtigste, habe von allen Farben aber, bin wie der Regenbogen.

Komm zu mir, geliebte Frau, lass uns Sonne und Regen einander sein, denn daraus erst entsteht – der Regenbogen.

Glück

Wer sich Glück zum Ziel setzt, hat zunächst einmal ein zusätzliches Problem.

Vorsorge

Sorge vor, das macht schon Sinn. Vergesse aber nicht, dass du auch Krise meistern kannst, sonst bleibt die Angst.

Alters-Fragen

  • Wenn wir immer länger leben, braucht es dann so etwas wie einer „zweiten Pubertät“ mit 60+?
  • Bald ein Drittel der Bevölkerung 60+, ein Leben vor sich, das oft noch so lange wie die Kindheit und Jugendzeit dauert, 20 Jahre und mehr. Fehlt eine gesellschaftliche Sinn- und Beitragstruktur für 60+?

Vernunft

Wer über die Köstlichkeit der Vernunft lehrt, der sollte auch über die Köstlichkeit der Unvernunft reden.

Ewigkeit

Willst du Ewigkeit, dann veröffentliche dich im Internet.

Neue Diktatoren

Entstehen in Silicon Valley und anderswo bisher nicht gekannte neue Diktatoren, die nicht mehr wie früher mit Stolz, Macht, Religion … ihre Völker verführen, sondern mit Bequemlichkeits-Dienstleistungen regieren?

Ceteris Paribus

Ein ordentlicher Philosoph argumentiert streng innerhalb seiner ceteris paribus-Annahmen. Meistens sind es zwischen eins und zwei. Das Leben aber arbeitet mit Tausenden von Variablen. Wie sollte da ein Philosoph über das Leben je was erkennen können?

Leidenschaften

Was haben eigentlich so viele Philosophen gegen die Leidenschaften und warum erklären sie die Vernunft so oft zum König des Lebens? Weil sie meist alte Männer sind?

Veränderung

Dass sich der Mensch in all den Jahrtausenden kaum verändert hat, das könnte ja auch bedeuten, dass er schon gelungen ist.

Freier Wille

Der Mensch hat einen freien Willen, sagt man. Der Mensch kann nur selten aus seiner Haut, sagt man.

Der Baum

Was ist ein Baum? Schattenspender? Früchteträger? Sauerstoff-Produzent? Stamm für eingeritztes Herz? Holz für Tisch und Stühle? Motiv für einen Maler? Was ist, was ist?

Bessere Ordnung

Ja, wenn wir einmal erkennen werden die Gesetze Gottes und der Natur, Nichtwissen also unsere Unvollkommenheit. Ja, wenn einmal Vernunft einkehren wird, Leidenschaften also unsere Unvollkommenheit. Ja, wenn eigenes Handeln so, dass es zum Gesetz aller werden könnte, Egoismus also unsere Unvollkommenheit. Ja, wenn einmal Unterdrückung und herrschende Klasse besiegt sein werden, Macht und Ungleichheit also unsere Unvollkommenheit. Aber was kommt dann, wenn alles erreicht?

Gespräche

Ein Gespräch, im Zug, an der Theke, bei einer Party, auf einem Kongress, egal wo. Nach einer halben Stunde oder auch mehr, wenn Tom nur Fragen stellte, sagten ihm der Unternehmer, die „wie Welt gut sein muss“ überzeugte Fundamentalistin, der Maurer, egal wer, nach einer halben Stunde oder auch mehr, wenn er nur Fragen stellte, sagten sie ihm, dass sie unglücklich seien, wegen des Vaters, der Mutter, dem Partner, dem Konkurrenten, eigenen verletzten Träumen. „Wieso treffe ich immer nur, wenn ich nur ein paar Fragen stelle, auf Leid immer, immer wieder?“, fragte sich Tom. „Nee, nee, ich, wir, wir haben das alles im Griff“, sagten sie ihm zum Schluss. Nicht, dass es da ein Missverständnis gäbe.

Vernunft

Tom stellt sich vor, dass er nur vernünftig handeln würde. Essen nach dem aktuellen Stand der Vernunft. Sport und Gesundheit nach dem aktuellen Stand der Ver­nunft. Seine Kinder erziehen nach dem aktuellen Stand der Vernunft. Tom stellt sich weiter vor, dass er nur moralisch handeln würde. Immer das Wohl der anderen im Blick, Erhaltung der Umwelt ihm an erster Stelle wichtig, geben ihm heiliger als nehmen.

Tom denkt sich: Vernunft und Moral sind wie ein starkes Medikament: Vorsichtig dosiert macht es gesund, zu viel davon: Die schlechten Nebenwirkungen überwiegen.

Internet

Ja, ja, das Internet, viel Infos hätt.

Tom schrieb einmal ein Buch, googelte es zusammen schnell. „Eines der wenigen Bücher dieses Jahr“, schrieb eine renommierte Zeitung da, „das nicht Dünnbrettbohren war!“

Ja, ja, das Internet, viel Infos hätt.

Als Tom mal wieder googelte, zu Kultur und Überbau, fand er bei amazon ein Überbau-Bett.

Ja, ja, das Internet, viel Infos hätt.

Da dachte sich Tom, dass er mal wieder selber denken muss, und dachte lang und viel, und stellte sein Gedachtes dann ins Internet, damit es noch mehr Infos hätt.

Der Prinz

„Hallo Prinzessin, ich hol dir den Himmel zu deinen Füßen.“ „Wärm sie mir lieber, mein Prinz“, antwortete die Prinzessin ihm.


Werte der Aborigines

Sich umeinander kümmern. Untereinander teilen. Menschen und Natur achten. Drei Werte nur, braucht es mehr?

Werk und Schöpfer

Der Maler Emil Nolde war ein überzeugter Nazi, haben neue Erkenntnisse aufgedeckt. Die Bundeskanzlerin hat schnell eines seiner Bilder in ihrem Büro abgehängt.

Wagner beutete jeden und jede für seine Ziele aus. Karl May, der Schöpfer von Winnetou und Old Shatterhand, war ein Betrüger und Dieb. Alice Schwarzer eine Steuersünderin. Kennedy hatte was mit der Mafia zu tun und betrog seine schöne Frau u.a. mit Marilyn Monroe. Der Philosoph Sartre rechtfertigte Stalin. Einstein machte sich über seine behinderte Frau lustig. Platon diente sich einem Diktator an. Steven Job, der Gründer von Apple, man berichtet, dass er ein egozentrischer Scheißkerl war. Coco Chanel nahm sich in der Besatzungszeit einen deutschen Offizier zum Freund …

Oft werden große Werke von Menschen geschaffen, die sich nicht besonders um soziale Werte und die Meinung anderer Menschen kümmern. Kann man/sollte man die Beurteilung eines Werkes von der Beurteilung seines Schöpfers trennen?


Globalisierung

Globalisierung, jucheisa, juchhe, wir globalisieren unsere Märkte, jubilieren europäische und amerikanische Konzerne. Wir bauen in China, in Indien und überall, neue Verkaufsstätten auf, und werden immer reicher dabei.

Globalisierung, jucheisa, juchhe, wir globalisieren unsere Märkte, jubilieren chinesische Konzerne. Wir bauen in Amerika und Europa und überall, neue Verkaufsstätten auf, und werden immer reicher dabei.

Globalisierung ist scheiße, klagen europäische und amerikanische Konzerne.

Sieg

Natur treibt die Menschen zum Kampf mit Siegesversprechen. Aber sie ist nicht am Sieg, an der Aufrechterhaltung des Wettbewerbs nur interessiert. Deshalb ist kein Sieg von Dauer.

Vorsätze

Gesund wollte Tom heute leben, so trank er Karottensaft und kaute gesund an einem Apfel. Zur Belohnung aber danach genoss er noch Kaffee, zwei Stück Linzer-Torte auch.

Gnade

Wer hat die Größe?

Hoffnung

Nüchterne Hoffnung hält oft nicht, was sie verspricht. Hoffnung in Ekstase hält immerhin ein paar Stunden.

Tod

Es endet immer mit Tod. Niemand ändert sich dafür.

Absolut

Wer absolut eine Position vertritt, ist wie einer, der behauptet, ein Arm oder ein Fuß seien der ganze Körper.

Glücklich

Sie haben sich in der Fülle von Tantra und Kamasutra geübt und sind glücklich bei ihren zwei Lieblings-Stellungen.

Die Erdkugel

Der Mensch wie eine Erdkugel ist, zeigt von seinen vielen Kontinenten den, auf den gerade fällt das Licht. Wie er gerade beschienen ist, mal heiß und mal kalt er ist, mal dürr und dann wieder üppig, mal von brutal kämpferischer Natur, dann wieder friedliche Savanne.

Wenn der Mensch also, wie eine Erdkugel ist, sein Verhalten ändert je nachdem, auf welchen Teil von ihm fällt das Licht, dann ist er nicht der, der er ist, sondern der, der gerade beschienen ist.

Gehirn-Rattern

Der Mensch hat eine Neigung zum Pathetischen, Sinn, seine Einzigartigkeit, was Erreichen müssen. Da rattern seine Gedanken über sein Soll-Sein und sein Ist, was er wirklich, wirklich will, was seine Verantwortung ist und welch Scheißkerl und Bequemer er dennoch oft ist. Egal, was erreicht, wie gut oder schlecht, es rattert das Gehirn. Das Gehirn-Rattern ist das Problem.

Ich will, was ich nicht will

Ich wollte mich gerne nur gesund ernähren, will ich nicht. Wollte mich gerne ausreichend bewegen, Sport für Fitness treiben, will ich nicht. Ich wollte gerne achtsam und freundlich sein zu mir, Menschen und Natur. Will ich nicht. Ich wollte gerne meinen Freundeskreis pflegen und vermehren, will ich nicht. Meine Wohnung ordentlich halten. Will ich nicht. Ein Hoffnungsträger wie Einstein, Gandhi, Mutter Theresa sein, will ich nicht. Ein Erfolgreicher und Angesehener. Will ich nicht. Was will ich? Alles von dem allen. Aber eigentlich, im Ungleichgewicht zu bestehen. In Liebe und Abneigung, Träumen und Versagen, Depression und Hoffnung. Ich will Mensch sein.

Endlich rein?

Ich werde ab jetzt total rein sein. Wegen meines Hungers stirbt kein Tier mehr. Nur Pflanzen esse ich noch. Sie leiden nicht, wenn man sie aus der Erde reißt, von Bäumen pflückt, als Spargel köpft, in Wasser siedet. Tantra, ich verwandle meine Lust in reine und geistige Energie. Ich werde alle bekämpfen, die Umwelt verschmutzen. Ich engagiere mich gegen Prostitution und Stromterrassen. Ich coache mich und die anderen, damit wir nicht die große Verantwortung aus den Augen verlieren, als Teil der Natur die Natur zu schützen, die von uns so enorm abhängt. Zeigen meine Vorbilder Schwächen, enttäuschen sie mich, so verfolge ich sie bei Twitter und Facebook mit Shitstorm, egal, was sie auch Positives geleistet haben. Ich bin die neue Kehrwoche.

Wenn man sich verändern könnte

Manchmal will ich ein anderer sein. Liebenswürdiger, vernünftiger, attraktiver, aktiver, die Liste ist lang. Aber was wäre dann?
Man stelle sich vor, der Mensch könnte sich verändern nach seinen Ideen und Wünschen, er könnte aus seiner Haut raus. In Zukunft gibt es vielleicht Embryonen-Design. Eltern können ihren Nachwuchs „designen.“ Was würden sie wählen? Die meisten wahrscheinlich das, was zeit geistig gerade „in“ ist. „Kommunikativ“, „empathisch“, „erfolgreich“ … Ergebnis: Die meisten Babys glichen sich aufs Haar. Das Ende von Vielfalt. Natur lebt aber von Unterschiedlichkeit, Diversität, die Wettbewerb und Kooperation der Unterschiedlichen für Entwicklung sichert. Es gibt Gründe, die mich mit Sinn daran hindern, dass ich ein ganz anderer werden kann. Die Gefahr bestünde, dass ich ein Gleicher würde und damit überflüssig.

Werte – reichen nur zwei?

Neulich habe ich mir ein Buch gekauft. Es handelte von den menschlichen Werten. Über 700 Seiten mit Hunderten von Werten. Reichen aber nur zwei?
Intelligenz: Damit meine ich nicht die Höhe des IQs, ich meine den Wert, nach intelligenten Lösungen zu suchen, Wissen und Bildung als Wert. Denn dieser führt zur Erweiterung von Ressourcen durch wissenschaftlichen, technischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen … Fortschritt. Verantwortung: Dieser Wert bildet eine Orientierung für Entscheidungen. Er besagt: Eine möglichst gute Lösung zu finden, die allen Beteiligten möglichst gerecht wird, sich selbst und anderen, Mensch und Natur. Verantwortung verbindet Egoismus mit Altruismus, Du und Ich. Beide Werte die Voraussetzung, dass andere Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand … in humaner und effizienter Form gelingen?

Selbstvorwürfe?

Über das, was früher als Unvollkommenheit angesehen wurde, lachen wir heute oft nur noch, z.B. wie sehr Vorfahren unter ihrer negativen Einstellung zum „sündigen“ Körper gelitten haben. Unsere Nachkommen, werden sie über unsere heutigen Selbstvorwürfe lachen?

Muschel

Die eigene Muschel verschlossen und klein, bei den anderen aber soll sie groß und offen sein.

Nächstenliebe

Sie betet diesen Guru an, der Liebe predigt. Sie kann nicht lieben die, die nicht auf ihren Guru höre

Paradox

Kochsendungen nehmen zu, eigenes Kochen nimmt ab.

Werkmenschen und Sozialmenschen

„Werkmenschen“ bauen Dämme gegen die Flut und sind über ihr Werk glücklich. „Sozialmenschen“ kämpfen gemeinsam gegen die Flut und sind über ihr Miteinander glücklich.

Einbildung

Oft reicht, sich als guter Mensch zu fühlen, schon aus. Die gute Tat erübrigt sich dann.

Imperalismus

Wenn ein Teilbereich der Gesellschaft seine speziellen Werte imperialistisch zu den Werten aller machen will, Militär: alles Leben ist eine Frage der Disziplin, Kirche: alles Leben ist eine Frage der Moral, Wirtschaft: alles Leben ist eine Frage des Nutzens, dann lach sie einfach aus.

Paris

Hotel abseits gelegen, Nähe Gare du Nord, rote Jalousien, rote Geranien auf Fenstersimsen, rote Tapeten. Suche nach Bistro spät abends im Regen.

Gefunden in der Nähe Galerie, feiernde Gruppe, Augen von draußen nach drinnen sehnsüchtig, kommt rein, Wein! Galerist flirtet ungeniert mit ihr und fragt Tom ganz unschuldig, ob er etwa eifersüchtig sei. Brötchen mit Artischocken-Paste.

Rodin-Museum einen halben Tag, draußen Skulpturengarten, „Bürger von Calais“, „Herkules“, drinnen „Der Kuss“, „Der Läufer“.  Metro zum 1. Arrondissement. Place Concorde, Einkaufsbummel, Hotel Costes, Cafégarten, griechische Statuen, Jeunesse dorée. In die Nacht gleiten.

Straße der Inneneinrichter Nähe Bastille, Croc Monsieur in vergammeltem Café, eine Frau wickelt ihre Geschäfte am Handy ab. Rue St. Honoré, Boutiquen, ein T-Shirt über 200 Euro, älterer japanischer Geschäftsmann mit junger Puppen-Gesichtigen, hungriger Blick auf Schuhe und Pelz.

Bar in fünf Sterne Hotel, rue du Roi, Spiegel, Marmor, alte Teppiche, Lüster, Kir Royal lecker! Abendessen in Japan-Restaurant, mit Honig glasiertem Aal. Rote Jalousien, rote Geranien, rote Tapeten, sie und er, verspeisten sich sehr.

Zwei Sterne

Sie hatten beide die Chance, endlich so richtig zusammen zu leuchten, aber gefangen, blieben sie in ihrer Bahn zurück. Sternen-Schicksal?

Glücksirrtum

Willst du Sorgen vermindern, z. B. abnehmen, weil du dich zu dick fühlst, dann wirst du eines erreichen: weniger Sorgen, aber nicht mehr Glück.

Willst du aber mehr Freude und Glück, dann zapfe sie direkt an: Prosecco genießen, Flow aus einer erfüllenden Aufgabe, Sonnenuntergang.

Sorgen vermindern und Glück vermehren, das sind zwei verschiedene Dinge.

Sehnsuchtsland

Verschwommenes, unwirkliches Sehnsuchtsland, liegt jenseits der Grenze dort. Gewohnheitsland ist hier, dem schönen und schrecklichen Ort. Mut brauchst du für beide, für hier und dort.

Wer ist Gott?

Hat Gott den Menschen und andere Wesen aus Unerfülltheit und Langeweile geschaffen, etwas zu haben, was ihn beschäftigt? Dann braucht er seine Geschöpfe.

Oder hat Gott den Menschen und andere Wesen aus Fülle und Überfluss geschaffen, einfach so, just for Fun, aber braucht er sie dann?

Was die Priester predigen: Gott hat uns aus Fülle geschaffen, er, der alles in Überfluss besitzt, Allwissenheit, unendliche Macht, unendliche Liebe, das alles und mehr, und er kümmert sich dennoch um uns, die, die er doch gar nicht braucht, weil er schon alles hat, wie soll man das begreifen?

Es sei denn, unendliche Fülle ist es, die sich unendlich verwirklichen will, seine Geschöpfe an seiner Fülle teilhaben lassen will, dann aber gibt es unendlich viele Wesen, die alle göttliche Verwirklichung und Teilhabe sind, und es wäre Häresie zu sagen, dass nur der Mensch Gottes Kind ist.

Oder ist es so, dass Gott nicht zeitlos sich nie veränderndes immerzu Sein ist, sondern dass auch er sich verändert, verändern will durch die Resonanz der Wesen, die er geschaffen hat, die er deshalb geschaffen hat. Ändert sich Gott mit dem Menschen und seinen anderen Geschöpfe? Sind wir Schöpfer-Geschöpf?

Oder hat er die Wesen geschaffen, dass sie so wie sie sind, nun ihr eigenes Glück finden, in ihrer Eigenart? Dass er sie als Vater/Mutter entlassen hat zu ihrem eigenen Schicksal und Glück auch, weder er sie brauchend weiter, noch sie ihn brauchend weiter, aber mit Liebe sie begleitend, und Unterstützung, wenn Not und sie seine Liebe ahnen?

Kindheit

Über den Schalterräumen der Post, die sein Großvater leitete, die Wohnung, ein großer Obstgarten hinter dem Haus, gegenüber der Bahnhof, daneben ein Gasthaus, die Straße hinauf Bauernhöfe. Felder, auf denen er als kleiner Junge Traktor fahren durfte mit bereiter Eingriffshand des Bauern, dessen Kinder seine Freunde waren.

Der Teich, in dem Baumstämme zum Härten fürs Sägewerk, dicht an dicht sich rieben, rutschig glatt. Einen Jungen, der auf ihnen balancierte, haben sie zwischen sich zerrieben. Großmutter warnte jeden Tag vor diesem Teich.

Schweine über den Hof jagen, dass sie empört quiekten, Heu aufladen, Obst und reife Beeren pflücken, zusehen, wenn im Geräteschuppen Sensen Funken sprühend geschliffen wurden, die Tage brechend mit zu Erzählendem voll.

Regnete es einmal, wurde die Post zum Spieleort, Päckchen stapeln, pralle Briefsäcke leeren, Briefmarken stempeln, plopp, plopp. Sich in den Kasten legen, in den Briefe purzelten aus Briefeinwurfschlitz, eine Hand herausstrecken, wenn einer einen Brief einwarf, ihn erschrecken, unschuldiges Vergnügen. Nachts, das donnernde Geräusch der vorbeifahrenden Züge, doppelt laut in der Stille, aber heimelig vertraut.

An das alles erinnerte sich Tom, als er nach langer Zeit an den früheren Ort seiner Kindheit, zurückkehrte. Nur fand er den Ort nicht mehr, so wie er einmal war.

Unvollkommen

Kaum jemand käme auf die Idee, zu einer Katze zu sagen, sie sei unvollkommen. Warum sagt man es vom Menschen?

Erziehung

Aristoteles, König der Philosophen, lehrte Tugend, Alexander den Großen, der danach soff wie ein Loch, der danach Persepolis verbrannte, der danach seine Gefährten mordete.

Seneca, Roms großer Philosoph, lehrte stoische Gelassenheit, Kaiser Nero, der danach Rom verbrannte, der danach die Christen mordete, der danach Seneca zwang, sich selbst zu töten.

Was Aristoteles und Seneca nicht schafften, wer sollte es dann?

Das Böse, das das Gute schafft

Gäbe es ohne Despoten Menschenrechte? Gäbe es ohne Raser sicherere Autos?

Das Spiel

Sie öffnete eine Schublade und holte ein Spiel hervor. „Siehst du die Felder hier, auf denen kleine Tannen stehen? Und dort oben das Schloss? Der Würfel ist der Zufall in unserem Leben. Komm, wir spielen.“

Sisyphos würfelte eine Drei. Vor ihm öffneten sich vier Pfade. „Du siehst, du kannst zwischen mehreren Wegen durch den Tannenwald wählen.“ Er entschloss sich für den linken Weg. Als er die kleine Tanne auf dem dritten Feld aufhob, sah er sich in seinem Büro. Er sah, wie er einen Vertrag unterschrieb.

Baukis würfelte eine Fünf und wählte den rechten Weg. Als sie ihre Tanne auf dem fünften Feld aufhob, sah er sie beide, wie sie in einem Restaurant bei leckerem Essen saßen. Was für ein seltsames Spiel war er verwundert. Er würfelte ein zweites Mal, würfelte eine Sechs. Als er die Tanne aufhob, sah er sich mit Andromeda beim Sex. Das war ihm sehr peinlich. „Es ist nicht so, wie es ausschaut …“ Baukis verschränkte ihre Arme.

Sie würfelte eine Eins. Er sah, dass sie es genoss, wie ein fremder und starker Mann sie mit Komplementen umwarb. Er schaute unsicher an seinem Körper herab. Er würfelte ein drittes Mal. Da sah er sich in einer Zirkus-Manege, wie er versuchte, für seinen Stern die passende Sternenform zu finden. Er hörte, wie das Publikum ihn auslachte. Dieses Ereignis hatte es in seinem bisherigen Leben nicht gegeben. Das wusste er genau. Was hatte es mit diesem Feld auf sich? Er schaute Baukis fragend an.

„Die Felder sind die möglichen Lebensereignisse der Spieler. Sie sind alle von Anfang an da“, sagte sie. „Deshalb kann der Würfel auch zu Feldern führen, die du noch nicht erlebt hast. Es ist wie mit den Ahnungen und Träumen. Man kann sie nur haben, weil alles schon da ist. Aber was wirklich eintritt, das ist ungewiss. Der Würfel führt, je nach seiner Zahl, zu unterschiedlichen Teilen deines Lebens. Auch wir erleben nur einen Teil unserer möglichen Leben.“ „Ich wäre gespannt, welche anderen Leben ich noch hätte leben können, ob ich ein ganz anderer hätte sein und werden können“, sagte Sisyphos.

„Ich werde dir dazu später etwas zeigen“, antwortete ihm Baukis, „aber jetzt erinnere dich an meinen Gesang: Wir sind Geschöpfe der Schöpfungen, die wir bauen. Die Wege und jedes Feld, das ganze Spiel, ändern sich mit deinen Gedanken und deinem Handeln. Wenn du mich hassen würdest, dann würde dich der Würfel zu ganz anderen Tannen führen und du würdest unter ihnen andere Felder finden.“

„Aber in dem, was ich denke und wie ich handle, habe ich da überhaupt einen freien Willen? Denn mein Geschöpf-Sein bestimmt doch auch mein Schöpfertum“, insistierte Sisyphos. „Hast du einen freien Willen, wenn du entscheidest, ob du den linken oder rechten oder mittleren Weg in dem Spiel wählst? In jedem Fall versprichst du dir den größten möglichen Erfolg auf dem Weg zum Schloss“, gab Baukis zu bedenken.

„Der freie Wille ist also nur eine Erfolgsspekulation? Aber was ist mit den Zielen selbst?“ „Schau dir das Spiel an“, forderte sie ihn auf. „Das Ziel ist das Schloss hier oben. Alle wollen dahin.“

„Was hat das Schloss für eine Bedeutung?“ Ihre Stimme war leise. „Es ist das Glück.“ „Die Suche nach dem Glück hat mich schon oft enttäuscht“, sann Sisyphos. „Ich habe auf alle Glücksquellen gesetzt, von denen ich wusste. Mal wollte ich nur mein Leben genießen, ein anderes Mal auf das Glück aus erfüllenden Aufgaben und Erfolg setzen. Dann wieder sah ich das Glück in Liebe und Freundschaft. Nach mancher Enttäuschung wollte ich mich selbst verwirklichen und unabhängig von den anderen sein. Dann habe ich mich für höhere Werte entschlossen, wollte über mein eigenes Ich hinauswachsen. Auch das Glück aus Transzendenz und Glaube ist mir nicht fremd. Ich habe schon alles ausprobiert, blieb aber doch immer, von wenigen Augenblicken abgesehen, im Ungleichgewicht.“

„Vielleicht ist dein Unglück dein hoher Anspruch an das Glück“, seufzte Baukis. Sie spielten schweigend weiter, bis Baukis im Schloss ankam. Sie hatte gewonnen. „Willst du nochmal spielen?“, fragte sie behutsam. „Bitte, zeig mir mehr von deinen Spielen“, bat er sie. „Wir beginnen gleich morgen damit“, versprach sie. „Jetzt ist es schon spät.“ Sie verabschiedete ihn mit einem Hauch von Kuss, der ihn sehnsuchtsvoller machte.

Alleine

„Willst du etwas wirklich Schweres erlernen?“, fragte Baukis ihn. „Decke dich mit Vorräten ein. Zwei Wochen sollst du dein Haus nicht verlassen.“

Die ersten Tage waren schrecklich. Sein Stolz ließ es aber nicht zu, dass er seine Wohnungstüre öffnete. Notgedrungen holte er sich die Welt in sein Heim, sah Filme und Reportagen und las in dem Buch über Orpheus und Eurydike weiter. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen dieser unproduktiven Muße, die er sich nicht wie gewohnt durch Arbeit verdient hatte. Er könnte Dinge tun, die er bisher vernachlässigt hatte, überlegte er: seine Kochkünste verfeinern, seine rhetorischen Fähigkeiten üben, Gymnastik, meditieren, seine Gedanken aufschreiben. All das begann er, aber da es nicht seine Gewohnheit war, verlor er rasch die Lust dazu.

Dass er keine menschliche Stimme hörte, das war das Schlimmste. Seine Unruhe wuchs, er wusste einfach über längere Zeit nichts mit sich alleine anzufangen. Auch wurde er immer müder. Zuerst hatte er ein schlechtes Gewissen, wenn er später aufstand. Ab dem vierten Tag begann er sein langes Schlafen zu genießen. Warum sollte er nicht schlafen, so lange er wollte und zwischen Wachen und Traum seinen Gedanken freien Lauf lassen? Er war frei, er konnte tun, was immer er wollte.

Musik wurde zu seiner liebsten Freundin. Sie begleitete ihn beim Lesen, beim Schreiben und er brauchte sie beim täglichen Zähneputzen. Immer öfter saß er nur da und träumte. Er hatte kein schlechtes Gewissen mehr dabei. Als er am fünften Tag seine Wohnungstüre öffnete, um sich zu vergewissern, ob die Welt noch da war – kehrte er in seine Wohnung zurück. Wie er gerade Lust hatte, tat er etwas oder auch nicht und freute sich über die Ruhe, die ihm zuwuchs. Ab dem neunten Tag erfüllte ihn Leichtigkeit. Statt sich weiter vorzuwerfen, dass sein Tun keinen sozialen Wert hatte, genoss er den Luxus, sein eigener König zu sein.

Als er gerade meinte, auch als Eremit nur mit sich selber glücklich zu sein, weil er sich zunehmend als rund und ganz empfand, wuchs in ihm die Lust, die anderen zu sehen. Weil ihm an ihnen lag, nicht nur aus Angst vor Einsamkeit.

Bedürfnis und Beitrag

Wenn jeder seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, woraus entsteht dann noch die Motivation für Beiträge an andere? Brauchen wir wieder mehr eine Leistungs- und Beitrags-Gesellschaft statt einer Bedürfnis-Befriedigungs-Gesellschaft?

Vorsätze

Je mehr man abnehmen will, umso mehr steigt die Lust am Essen. Je mehr man tolerant sein will, umso mehr steigt das Bedürfnis nach Entschiedenheit.

Künstliche Intelligenz

Wenn zunehmend selbstlernende Maschinen, Roboter und dahintersteckende künstliche Intelligenz, Aufgaben übernehmen, z. B. in der Wirtschaft bei der Produktion und der Verteilung von Gütern oder in der Wissenschaft bei der Erkundung von Gesetzmäßigkeiten, was bleibt dann noch für die Menschen zu tun?

Stehen wir vor einer Care-Ökonomie? Liegt die Zukunft in Städten, die Kontakte und Zusammentun erleichtern? Stehen wir vor einer über die Erwerbsarbeit hinausgehenden Tätigkeitsgesellschaft? Kurz, werden die Aufgaben immer bedeutender, die direkt mit den Menschen zu tun haben und ihrem Zusammenleben?

Androide und Cyborgs

Roboter gleichen sich immer mehr Menschen an im Äußeren, Sprache und Verständnis. Sie werden zu Androiden. Menschen gleichen sich immer mehr Robotern an, künstliche Organe, mit dem Netz verbunden, Algorithmen unterworfen. Sie werden zu Cyborgs.

Paul

WLF: Werk – Liebe – Fitness. EBE: Ernährung – Bewegung – Einstellung. Paul schrieb sich manchmal solche Schlagwörter auf. Mit ihnen wollte er einem Meißel gleich seine Person zur erwünschten formen.

Buchstaben

Ein Paar, ein Stockwerk unter mir, hatte an seiner Wohnungstür bunte Buchstaben angebracht: „Wir haben geheiratet.“ Es hat die Buchstaben an seiner Türe über die Jahre nicht abgenommen.