Eine neue Arbeitsgesellschaft?

Werdet zu Arbeitern und Angestellten, sprachen Wirtschaft und Staat zu den Bürgern vor 200 Jahren, die Industrialisierung begann. Erwerbsarbeit sei das Zentrum eures Lebenssinns, die Quelle eurer Ver­sorgung, die Grundlage eurer Alterssicherung. Die Bürger folgten dem Ruf und es ging ihnen gut dabei.

Die Jahre vergingen und es schallte ein neuer Ruf ins Land: Ihr Berufstätigen sprach die Wirtschaft. Wir haben die Automatisierung, Roboter und künstliche Intelligenz entdeckt. Wir brauchen jetzt viele von euch nicht mehr. Und warum sollten wir hohe Löhne zahlen, wenn wir durch globale Märkte von eurem Konsum nicht mehr so abhängig sind?

Ihr Bürger sprach der Staat. Sind weniger von euch beschäftigt und werdet ihr immer älter, eure Alters­versicherung können wir nicht mehr sichern.

Was sollen wir tun, riefen da die Bürger. Auf Wachstum hoffen und mehr für euch selber sorgen, antwortete der Staat. Die Wirtschaft versprach ab­lenkende Spiele.

Da begannen die Bürger, sich ihre Gedanken zu machen. Sind wir denn unnütz, wenn wir nicht in der Erwerbsarbeit tätig sind, fragten sich Arbeitslose und Senioren*innen? Gibt es für uns keinen Sinn, da Sinn und soziale Anerkennung nur in der Erwerbsarbeit liegen? Erwerbstätige Frauen und Männer fragten sich das auch. Besonders, nachdem sie von einem Wissenschaftler gehört hatten, der aus­gerechnet hatte, dass ein durchschnittlicher Arbeit­nehmer von 450.000 wachen Stunden seines Lebens nur 50.000 Stunden im Beruf verbringt, das heißt gerade mal 11% seiner wachen Lebenszeit, Schlafzeit also nicht eingerechnet.

„Man sollte den Sinn aus Arbeit auf mehr als nur eine Säule stellen“, dachte sich da Tom. Es gibt nicht nur Erwerbsarbeit, nicht nur den Beruf. Er machte eine Flasche Rotwein auf und betrachtete nach dem zweiten Glas seine Hand. „Fünf Finger hat die Hand, fünf Arbeiten braucht das Land“, blitzte es da in ihm da auf.

Er erinnerte sich an seine Tochter. In der Schule musste sie oft mehr arbeiten mit all den vielen Hausaufgaben als ein gewerkschaftlich organisierter Erwachsener. Bildung ist auch eine Arbeit, dachte er sich. Und was ist mit Kochen, bei Schulaufgaben helfen, die Gartenterrasse neu pflastern? Wenn das keine Arbeit ist? Na klar, Familien- und Eigenarbeit, notierte er sich. Und was ist mit Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement? Manchen Familienkrach gab es schon, weil Papa lieber Vereinsvorsitzender spielte. Er googelte und erfuhr, dass mehr als 30 Millionen Deutsche sich in der Gemeinsinnarbeit engagieren. Drei Arbeiten also schon hatte er gefunden neben der Er­werbsarbeit, Bildungsarbeit, Eigenarbeit und Gemeinsinnarbeit.

Als Nachbarn half man sich auch manchmal, keinen Lohn dafür, aber Guthaben auf der Geben – und Nehmen – Datenbank. Auch hatte er von Tauschringen gelesen, die sich nicht mit Euros bezahlten, aber gegen Talente, Bürgerpunkte, Zeitguthaben … Arbeiten untereinander tauschten, auch wenn sie nicht Nachbarn waren. Die vierte Arbeit neben der Erwerbsarbeit nannte er etwas sperrig Bürger-zu-Bürger Kooperation. „Eine neue Tätigkeitsgesellschaft muss her“, davon war Tom überzeugt, als er sich das aufgeschrieben hatte.

Ein Wiederaufleben von Beziehungsnetzen jenseits von Beruf und Markteinrichtungen sah er. Sinn aus Tätigkeit auch für Senioren und Arbeitslose, beiden der Arbeitsmarkt oft verschlossen, sah er. Mehr Un­abhängigkeit vom beruflichen Geldeinkommen durch Eigenleistungen und gemeinsamen Projekten unter den Bürgern sah er.

Aber ohne Geld/Euros ist trotzdem alles Nichts.“ Er hörte schon die Einwände hallen. Und so begann er zu forschen und zu rechnen:

 Der Wert der Eigenarbeit in privaten Haushalten entspricht etwa 600 Milliarden Euro. Soviel wie alle Renten- und Sozialleistungen zusammen, las er. Durchschnittlich 22.500 Euro pro Jahr geldsparende Realleistung aus Familien- und Eigenarbeit bei einer dreiköpfigen Familie. Über 30 Jahre 675.000 Euro.

Tom rechnete weiter: Wenn er in Güter- und Diensteaustausch mit Nachbarn, Familie und Freunden seine Zeit mehr investierte, zusätzlich sein persönliches Kontaktnetz erweiterte, indem er z.B. an einem Tauschring der Bürger-zu-Bürger-Arbeit teilnahm, sagen wir mal durchschnittlich sechs Stunden pro Woche, mal mehr, mal weniger über seinen Lebenslauf, die Stunde, Realwert von 15 Euro, macht über 40 Jahre ein Wert von über 160.000 Euro aus. Er rechnete nur mit 45 Wochen pro Jahr, denn sieben Wochen wollte er Urlaub machen oder sich sonstwie zurückziehen.

Tom wurde klar, dass in Gesellschaften mit großen Familien- und Freundesclans und anderen persönlichen Beziehungsnetzen auch bei einer hohen Arbeitslosigkeit und sonstigen Krisen eine höhere Sicherheit der Versorgung herrscht.

 Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement? Gemeinsinnarbeit? Sie bieten alles an Anerkennung, Kontakten und Zugehörigkeit, was auch die Erwerbsarbeit bietet, außer Entlohnung durch Geld. Ohne Gemeinsinnarbeit könnte keine Gesellschaft funktionieren. Da wäre es angebracht, dachte sich Tom, dass es auch mehr geldliche und reale Vorteile gäbe, über die „Übungsleiterpauschale“ hinaus, z.B. Vorteile bei einer Bewerbung, Steuerersparnisse oder verbilligte öffentliche Leistungen. Nehmen wir einmal an, die geldlichen und realen Vorteile würden sich auf 200 Euro pro Monat summieren, dabei in Zukunft gedacht, z.B. an einen Aufschlag auf ein allgemeines (viel diskutiertes) Grundeinkommen, das wären über 40 Jahre wieder 96.000 Euro.

Über das geldliche und reale Einkommen aus Bildungsarbeit musste Tom nicht viel schreiben. Bildung schlägt sich meistens in einem höheren Erwerbseinkommen nieder und allgemein besseren Chancen.

Alles in allem, dachte sich Tom: Reale Einkommen aus den außerberuflichen Lebensbereichen, aus den vier Arbeiten ergänzend zur Erwerbsarbeit, werden unterschätzt. Er machte eine Rechnung aufgrund seiner Beispiele auf: Eigenarbeit, Bildungsarbeit, Bürger-zu-Bürger-Arbeit, Gemeinsinnarbeit, es können über ein Leben Realeinkommen im Wert von über eine Million Euro dabei herauskommen. Das müssen erst einmal diejenigen aus ihrem Erwerbsberuf verdienen, die alles am Markt einkaufen müssen, weil sie ihren Haushalt von Eigenarbeit entleert haben, weil sie keine persönlichen Netze des Arbeits- und Güteraustauschs haben.

Aber nicht nur an Geld denken“, dachte sich Tom. Kein Lebensbereich kann alle Wünsche und Bedürfnisse erfüllen. Wer sich nur auf den Beruf, die Erwerbsarbeit, konzentriert, und dort alle seine Bedürfnisse zu erfüllen sucht, von Geld bis Selbstverwirklichung, der wird meistens enttäuscht. Eine Tätigkeitsgesellschaft der fünf Arbeiten bietet fünf Chancen. Dazu kommt noch der Freizeit- und Kulturbereich, also sind es sechs. 

Einsam ist es in der Gesellschaft geworden. Fünf Tätigkeitsbereiche bringen nicht nur mehr Arbeitssinn-Chancen, sondern auch mehr Kontakte, Freunde, Beziehungen, Gleichgesinnte. Und mehr Wissen, mehr Fähigkeiten dazu. Die breiter angelegte Tätigkeitsgesellschaft steht allen Bürgern offen im Gegensatz zur Erwerbsarbeit. Wer sich beispielsweise fragt, was die zukünftigen Senioren*innen, 30% der Bevölkerung vorausgesagt, eine Lebenszeit vor sich, die länger dauert bei steigender Lebenserwartung als Kindheit- und Jugendzeit, wie sie beitragen können zum Gemeinwesen, der kommt an der Frage der Tätigkeitsgesellschaft und einer neuen Definition, was anerkannte Arbeit ist, nicht vorbei.

Ein neues Verständnis von anerkannter Arbeit in einer Mehrarbeiten-Gesellschaft, mehr Beziehungs- und Wertschätzungs-Chancen aus fünf Arbeiten statt nur aus dem Beruf, ja, wenn das nicht Zukunft ist!“, dachte sich Tom. Und das Schöne dabei, man kann die fünf Tätigkeiten, Erwerbsarbeit, Eigen- und Familienarbeit, Ehrenamt, Bildung, Bürgerkooperation in seinem Lebenszyklus immer so mischen, wie man es gerade braucht.

Am anderen Morgen las er, dass die Arbeitslosen-Zahlen wieder gesunken seien, und die Kreuzfahrt-Reisen von Senioren enorm gestiegen. Da begannen seine Zweifel. Aber, dann sagte er sich, die Gleichsetzung von Arbeit mit Erwerbsarbeit ist erst 200 Jahre alt. Mit der Industrialisierung hat sie begonnen. Die Breite der Arbeit, die gab es dagegen schon viele Tausend Jahre. Es ist Zeit, sich wieder zu besinnen und nicht nur auf eine Säule zu setzen, zu schmal für das Leben.